Mitte der 30er Jahre, begann die Auslieferung einer neuen Maschinenkanone an die deutsche Luftwaffe – die 20 mm Kanone MG FF, auf der Basis der Schweitzer Oerlikon FF. Es war ein bedeutender Schritt nach vorne in der Effektivität der Bewaffnung von Flugzeugen im Vergleich zu den Maschinengewehren mit Gewehrkaliber, da die größeren Geschosse eine hochexplosive Ladung tragen konnten, die den Schaden signifikant erhöhte. Normale Hochexplosivgeschosse erzielen ihre Wirkung beim Aufschlag, wobei der Mantel der die Ladung umhüllt gesprengt wird und tödliche Splitter das Ziel durchdringen. Diese Splitter waren für frühe Flugzeuge aus Holz und Stoff tödlich, doch gegen modernere Flugzeuge aus Metall zeigten sie deutlich weniger Wirkung. Das technische Amt des Reichsluftfahrtministeriums unterzog die verfügbaren 20 mm Geschosse einer eingehenden Prüfung bezüglich ihrer Zerstörungskraft, und die Resultate waren wenig zufriedenstellend – normale Hochexplosivgeschosse zeigten sich als ineffektiv da die Splitter zwar die äußere Metallschicht zu durchdringen vermochten, aber eine zu geringe Wirkung auf die Integrität des Flugzeuges und dessen Lenkmechanismen hatten. Aufgrund der vorangegangenen Tests gab das RLM 1937 die Entwicklung eines neuen 20 mm Geschosses in Auftrag, das eine größere hochexplosive Ladung tragen sollte und dafür eine geringere Masse an splitterndem Material. Beauftragt mit der Entwicklung wurde die Deutsche Waffen und Munitionsfabrik (DWM).

Funktionsweise des Minengeschosses

Das Ergebnis war ein neuer Munitionstyp, das „Minengeschoss“. Reguläre Geschosse wurden gegossen und anschließend ausgebohrt um Raum für die HE-Füllung zu schaffen. Die Geschosshülse eines Minengeschosses war im Gegensatz dazu gezogen aus hochqualitativem Stahl, wodurch es möglich war die Stärke der Hülse deutlich geringer ausfallen zu lassen ohne die Strukturstärke zu verschlechtern. Dies verringerte den Splittereffekt deutlich, erlaubte es aber mehr Sprengstoff in das Geschoss zu füllen. Normale Minengeschosse hatten so eine Füllung von 18-20g PETN (Pentaerythrityltetranitrat), während typische 20 mm Geschosse anderer Nationen lediglich 6-10 g Sprengstoff eingelassen hatten. Die geänderte Ladung benötigte auch einen speziellen Zünder. Wenn ein normaler Aufschlagzünder verwendet worden wäre, so wäre der Großteil der Explosion in der das Flugzeug umgebenden Luft verpufft, was den Schaden stark vermindert hätte. Minengeschosse wurden daher mit einem verzögerten Zündmechanismus ausgestattet, der das Geschoss erst zur Detonation brachte, nachdem zwei Drittel des Geschosses die äußere Hülle durchdrungen hatten. Die darauf folgende Explosion der Ladung riss große Teile der Hülle einfach heraus, was große Löcher schaffte die einen starken Einfluss auf die aerodynamischen Charakteristika und die Steuerung des Zieles hatte. Zusätzlich war es bei entsprechend hoher Kadenz möglich, dass ein zweites Minengeschoss durch das, vom ersten Geschoss geschaffene, Loch in das Ziel eindringen konnte um dann im Inneren zu detonieren und noch deutlich größere Schäden zu verursachen. Dies gelang vor allem mit der später entwickelten MG 151/20 Maschinenkanone, die eine Feuerrate von 750 Geschossen pro Minute hatte (bzw. 12 Geschosse pro Sekunde) – diese Waffe war so in der Lage mit nur sehr kurzen Feuerstößen ganze Flügel abzutrennen oder zumindest starke Schäden an den Steuerelementen zu verursachen. Minengeschosse zeigten sich besonders effektiv bei Treffern des Treibstofftanks, da sie diese aufrissen und oft den hochentzündlichen Treibstoff in Brand steckten.

Munitionsgurte wurden meistens gemischt gefüllt, ein Gurt für ein starr eingebautes MG151/20 in einem Jagdflugzeug zum Einsatz gegen viermotorige Bomber setzte sich im Juni 1944 folgendermaßen zusammen: ein Minengeschoss, eine Brandgranate, eine Panzerbrandgranate. Anders sah es bei der Bestückung für leichtere Ziele wie z. B alliierte Jäger aus: drei Minengeschosse, eine Brandgranate, eine Panzerbrandgranate. Die Menge der Leuchtspurmunition wurde nach eigenem Belieben bzw. nach der Verfügbarkeit gewählt.

Minengeschosse wurden zeitnah als Standard Hochexplosivmunition für alle deutschen 20 mm Kanonen an die Truppe ausgegeben. Um in der Lage zu sein die neuen Minengeschosse zu verschießen musste die Rücklaufbremse überarbeitet werden, da Minengeschosse leichter waren als die alten Geschosse. Die nun modifizierte MG FF bekam die Bezeichnung MG FF/M und kam in den Flugzeugen des Typs Bf 109 E-4 und Bf 110 C-4 ab Sommer 1940 zum Einsatz. Als das MG 151/20 nach und nach das MG FF ersetzte, wurde auch für diese neue Waffe ein Minengeschoss entwickelt. Das hohe Zerstörungspotential in Kombination mit der hohen Feuerrate machte sie zu einer ausgezeichneten Jägerwaffe – nach Gefechten mit schweren amerikanischen B-17 Bombern errechnete man auf deutscher Seite, dass etwa 15-20 direkte Treffer (also nur wenig mehr als ein kurzer Feuerstoß aus einer einzelnen Kanone) von achtern ausreichend waren um eine B-17 zu zerstören und 4-5 Geschosse bei einem frontalen Angriff genügen würden. Die Effektivität der MG 151/20 Minengeschosse wurde weiter erhöht indem man zusätzliche Kanonen anbrachte – so konnten dafür vorgesehene Versionen der Fw 190 bis zu sechs MG 151/20 tragen.

Auch nach Einführung der 30 mm Maschinenkanonen MK 108 und MK 103 wurden für diese Minengeschosse entwickelt. Diese Geschosse trugen wahrlich enorme Mengen an Sprengstoff – normale 30mm Minengeschosse der Ausführung A mit flachem Kopf trugen so 85 g PETN mit einer Basis aus Hexagon, was den Splittereffekt noch weiter erhöhte. Aerodynamischer geformte Geschosse der Ausführung C verfügten über eine kleinere Ladung von nur 72 g, was aber noch immer eine extreme Menge war. Im Vergleich dazu sind in modernen PGU-13/B hochexplosiven Brandgeschossen, die in Gau-8 Gatling-Kanonen der A-10 Thunderbolt genutzt werden, „nur“ 58 g eingelassen. Natürlich resultierte die unheimliche Menge an hochexplosiver Ladung in verheerenden Ergebnissen. Ein Volltreffer mit einem Geschoß der MK 108 riß ein ca. 1,75 Quadratmeter großes Loch in die Beplankung eines Flugzeuges.
Nur 3-4 Treffer waren normalerweise nötig um einen schweren Bomber zu zerstören, und ein einzelner reichte meist für einen Jäger.

Noch größere Minengeschosse wurden entwickelt für die BK 3,7 und BK 5, die in den Ju 87 G Versionen, der Hs 129 und der Me 410 verwendet wurden. Diese Minengeschosse beinhalteten etwa 220 g PETN bei der 37 mm Variante, während die 50x420R mm Geschosse der BK 5 mit 350 g PETN gefüllt waren, was eine einzelne Granate mehr als ausreichend machte für die Bekämpfung eines schweren Bombers.
Verwendete Explosivmittel

Anfangs wurde als Explosivmittel Nitropenta verwendet, im weiteren Verlauf des Krieges wurde es durch das eine bessere Brandwirkung ergebende HA 41, eine Mischung aus Hexogen und Aluminium-Pyroschliff (Aluminiumpulver), ersetzt.

Nach dem Krieg wurden viele andere Nationen von den deutschen Minengeschossen inspiriert und setzten sie für zukünftige Waffen ein. Sehr ähnliche Geschosse kamen so bei der britischen ADEN 30 mm Maschinenkanone oder der französischen DEFA Kanone desselben Kalibers zum Einsatz.

Minengeschoß einer MK108
MK108 30mm
Minengeschosstreffer an einer P47