Am 12. Juni 1940 erschien in den USA eine englische Übersetzung der vom Auswärtigen Amt herausgegebenen „Polnischen Dokumente zur Vorgeschichte des Krieges“. (1) Wie eingangs erwähnt, sind die in Warschau erbeuteten Depeschen der polnischen Botschafter in Washington, London und Paris schon unmittelbar nach ihrer Veröffentlichung in Deutschland vom amerikanischen Außenministerium sogleich zu „Fälschungen“ erklärt worden. Der polnische Botschafter Graf Jerzy Potocki wurde von Außenminister Cordell Hull sogar zu einem öffentlichen Dementi in der „New York Times“ genötigt. (2)

Damals konnten sich nur wenige amerikanische Politiker ein vollständiges Bild vom Inhalt der geheimen Dokumente machen. Doch nachdem der Geschäftsmann Ralph B. Strassburger 17.000 Exemplare der englischen Übersetzung kaufte und sie an Journalisten, Senatoren und Gouverneure in ganz Amerika verschickte, entstand Anfang Juli 1940 eine breite Diskussion in den Medien. Die „Washington Post“ war die erste überregionale Tageszeitung, die es wagte, die vom deutschen Auswärtigen Amt herausgegebenen Papiere als authentisch zu bezeichnen. Die meisten anderen Zeitungen versuchten die Bedeutung der Dokumente herunterzuspielen. (3)

Am 11. Juli 1940 nutzte Ernest Lundeen eine Senats-Sitzung, um das Thema in Gegenwart von Roosevelt anzusprechen. In einer denkwürdige Rede sagte er: „’Dies ist mein Krieg!’ hatte der russische Botschafter Iswolski 1914 in Paris ausgerufen. ‚Dies ist mein Krieg!’ könnte auch unser Präsident ausrufen, wenn er die Katastrophe betrachtet, die Europas Kultur heute zu verschlingen droht. Europäer haben jetzt ausgesprochen, was Amerikaner schon lange argwöhnen: England, Frankreich und Polen würden ihren Streit mit Hitler am Konferenztisch beigelegt haben, wenn sich unser Präsident nicht eingemischt hätte. Die polnische Regierung würde die vernünftigen Vorschläge des deutschen Führers niemals zurückgewiesen haben, wenn Botschafter Bullitt ihr nicht die militärische Unterstützung Englands, Frankreichs und Amerikas zugesichert hätte.

Als die Deutschen Warschau eroberten, entdeckten sie in den Archiven eine Vielzahl von Dokumenten. Die prominentesten unter ihnen stammen von William C. Bullitt, unserem Botschafter in Paris, und Joseph P. Kennedy, unserem Botschafter in London. Vor mir liegen Fotokopien der Dokumente, von denen die Deutschen behaupten, sie in Warschau gefunden zu haben. Ich weiß nicht, ob diese Dokumente echt sind oder nicht. Ich hoffe, es handelt sich um Fälschungen, aber ich fürchte, sie sind es nicht. Ich fürchte vielmehr, sie sind echt, und sie nähren den begründeten Verdacht, dass unsere Regierung geheime Verpflichtungen gegenüber den Alliierten eingegangen ist.

Aus diesen Dokumenten ersehen wir, daß Mr. Bullitt die polnische Regierung der Feindschaft Amerikas gegenüber Deutschland versicherte. Er stachelte darüber hinaus auch Großbritannien auf, Polen im Widerstand gegen Deutschland den Rücken zu stärken. Das ist von großer Bedeutung, weil gerade diese englische Handlungsweise der Hauptgrund für den Ausbruch des Krieges war. In einem Brief vom 29. März 1939 schrieb Botschafter Lukasiewicz an seinen Außenminister in Warschau, daß Mr. Bullitt unseren Botschafter Kennedy in London dringend ersucht hatte, Verbindung mit dem britischen Premierminister Chamberlain aufzunehmen und ihn zu bitten, Polen eine britische Garantie zu geben. Dies half entscheidend zum Kriegsausbruch. Polen war widerspenstig und nicht willens, die vernünftigen deutschen Forderungen anzunehmen. Dadurch wurde jede friedliche Lösung des Danzig- und Korridor-Problems unmöglich gemacht. Und England und Frankreich zogen zuversichtlich in den Krieg, weil sie die Versicherung schneller amerikanischer Hilfe zu haben glaubten.“ (4)

Am Ende seiner Rede verlangte Lundeen eine Untersuchung durch einen Senatsausschuss. Viele prominente Anti-Interventionisten – darunter der Pilot Charles Lindbergh, der Historiker Harry Elmer Barnes und der Senator Gerald P. Nye – schlossen sich ihm an. (5) Doch statt einer Untersuchung zur Tätigkeit von Bullitt gab es nur eine Ermittlung zur Übersetzung der Dokumente. Das „House Committee on Un-American Activities“, also das „Komitee für unamerikanische Umtriebe“, wandte sich noch im selben Monat an den New Yorker Verlag „Howell & Soskin“ und erfuhr dort, dass ihm die Dokumente von dem deutschen Journalisten Dr. Manfred Zapp angeboten und von dem deutsch-amerikanischen Schriftsteller George Sylvester Viereck übersetzt worden seien. (6) Sowohl Zapp als auch Viereck wurden im Frühjahr 1941 wegen Verbreitung „nationalsozialistischer Propaganda“ verhaftet.

(1) The German White Paper: Full Text of the Polish Documents Issued by the Berlin Foreign Office. Howell & Soskin, New York 1940.
(2) “Berlin Accuses US: Bullitt Quoted as Saying ‘We Will Finish War on the Allies Side’.” In The New York Times vom 30. März 1940, Seite 1.
(3) Justus D. Doenecke Storm on the Horizon: The Challenge to American Intervention, 1939 – 1941. Rowman & Littlefield, Lanham 2003, S. 76.
(4) Ernest Lundeen Six Men and War. Speech of July 11, 1940. Hoover Institution Archive.
(5) Justus D. Doenecke Storm on the Horizon: The Challenge to American Intervention, 1939 – 1941. Rowman & Littlefield, Lanham 2003, S. 76.
(6) House of Representative Special Committee on Un-American Activities Investigation on Un-American Propaganda Activities in the United States. Third Session on H. Res. 282. Appendix – Part II. Washington 1940, S. 1054 – 1059.