Unmittelbar nach Beginn des Polenfeldzugs beauftragte Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop seinen Legationssekretär Eberhard Freiherr von Künsberg mit der Aufgabe, den gesamten diplomatischen Schriftverkehr des polnischen Außenministeriums in Warschau sicher zu stellen. Tatsächlich gelang es dem sogenannten „Sonderkommando Künsberg“, zahllose diplomatische Depeschen vor ihrer Vernichtung zu bewahren. Der deutsche Botschafter in Polen, Hans-Adolf von Moltke, stellte daraufhin eine Sammlung mit Dokumenten der polnischen Botschafter in London, Paris und Washington zusammen. Insbesondere die Depeschen des polnischen Botschafters in Washington, Graf Jerzy Potocki, an den polnischen Außenminister Józef Beck zeigten eindeutig, dass es das Weiße Haus war, das auf Krieg drängte und entsprechenden Druck auf die Regierungen von England, Frankreich und Polen ausübte.

Als das Auswärtige Amt die in Warschau erbeuteten Dokumente veröffentlichte, gab es aus Washington sogleich ein Dementi. So wurde etwa der polnische Botschafter Jerzy Potocki in der „New York Times“ zu der Behauptung genötigt, dass sämtliche Papiere gefälscht seien. Als ihn der frühere US-Präsident Herbert Hoover nach dem Krieg befragte, gab Potocki allerdings unumwunden zu, dass ihn das US State Department gezwungen hatte, die Authentizität seiner Korrespondenz zu bestreiten. In seinen 1962 erschienenen Memoiren bestätigte auch der damalige polnische Botschafter in London, Graf Edward Raczynski, die Echtheit der Dokumente.

In einer Depesche vom 9. Februar 1938 berichtete Botschafter Jerzy Potocki an Außenminister Józef Beck von der Propaganda, die Präsident Roosevelt seit 1937 gegen Deutschland entfacht hatte: „Die Deutschen werden dargestellt als Volk, das unter dem Hochmut Hitlers lebt, der die ganze Welt erobern und die ganze Menschheit in einem Meer von Blut ertränken will.“

Bereits vor dem „Anschluss Österreichs“ und dem „Münchner Abkommen“ hatte Roosevelt also eine vollkommen ungerechtfertigte Kriegsstimmung gegen Deutschland angeheizt.

„In Unterhaltungen“, schrieb Potocki weiter, „stieß ich wiederholt auf den unerbittlich und mit Entschlossenheit vertretenen Standpunkt, daß der Krieg unvermeidlich ist.“

Am 21. November 1938, also zwei Monate nach dem Münchner Abkommen und der Rückkehr des Sudetenlandes zu Deutschland, berichtete Potocki von einer Unterredung mit dem amerikanischen Botschafter in Paris, William C. Bullitt:

„Er sprach davon, daß nur Gewalt, schließlich ein Krieg der wahnsinnigen Expansion Deutschlands in Zukunft ein Ende machen kann. Auf meine Frage, ob die Vereinigten Staaten an einem solchen Kriege teilnehmen würden, antwortete er: ‚Zweifellos ja, aber erst dann, wenn England und Frankreich zuerst losschlagen!’ Die Stimmung in den Vereinigten Staaten ist, wie er sagte, gegenüber dem Nazismus und Hitlerismus so angespannt, daß schon heute unter den Amerikanern eine ähnliche Psychose herrscht wie vor der Kriegserklärung Amerikas an Deutschland im Jahre 1917.“

In einer Nachricht vom 12. Januar 1939 beleuchtete Potocki auch die genauen Motive, die Roosevelt zur Entfachung der „Kriegspsychose“ trieben: „Der Präsident Roosevelt war der erste, der den Hass auf den Faschismus zum Ausdruck brachte. Er verfolgte damit einen doppelten Zweck: 1. Er wollte die Aufmerksamkeit des amerikanischen Volkes von den innerpolitischen Problemen ablenken, vor allem vom Problem des Kampfes zwischen Kapital und Arbeit. 2. Durch die Schaffung einer Kriegsstimmung und die Gerüchte einer Europa drohenden Gefahr wollte er das amerikanische Volk dazu veranlassen, das enorme Aufrüstungsprogramm Amerikas anzunehmen, denn es geht über die Verteidigungsbedürfnisse der Vereinigten Staaten hinaus.

Zu dem ersten Punkt muss man sagen, daß die innere Lage auf dem Arbeitsmarkt sich dauernd verschlechtert, die Zahl der Arbeitslosen beträgt heute schon 12 Millionen. Die Ausgaben der Reichs- und Staatsverwaltung nehmen täglich größere Ausmaße an. Nur die großen Milliardensummen, die der Staatsschatz für die Notstandsarbeiten ausgibt, sichern noch eine gewisse Ruhe im Land. Bisher kam es zu den üblichen Streiks und lokalen Unruhen. Wie lange aber diese Art staatlicher Beihilfe durchgehalten werden kann, kann man heute nicht sagen. Die Aufregung und Empörung der öffentlichen Meinung und die schweren Konflikte zwischen den Privatunternehmen einerseits und der Arbeiterschaft andererseits haben Roosevelt viele Feinde geschaffen und bringen ihm viele schlaflose Nächte.

Zum zweiten Punkt kann ich nur sagen, daß der Präsident Roosevelt als geschickter politischer Spieler und als Kenner der amerikanischen Psychologie die Aufmerksamkeit des amerikanischen Publikums sehr bald von der innerpolitischen Lage abgelenkt hat, um es für die Außenpolitik zu interessieren. Der Weg war ganz einfach, man musste nur von der einen Seite die Kriegsgefahr richtig inszenieren, die wegen des Kanzlers Hitler über der Welt hängt, andererseits musste man ein Gespenst schaffen, das von einem Angriff der totalitären Staaten auf die Vereinigten Staaten faselt. Der Münchner Pakt ist dem Präsidenten Roosevelt sehr gelegen gekommen. Er stellte ihn als eine Kapitulation Frankreichs und Englands vor dem kampflustigen deutschen Militarismus hin. Wie man hier zu sagen pflegt, hat Hitler Chamberlain die Pistole auf die Brust gesetzt. Frankreich und England hatten also gar keine Wahl und mussten einen schändlichen Frieden schließen.“

Nur vier Tage später, am 16. Januar 1939, berichtete Potocki von einem weiteren Gespräch mit Bullitt, das das weitere Vorgehen Roosevelts verdeutlichen sollte:

„Vorgestern hatte ich eine längere Unterhaltung mit dem Botschafter Bullitt in der Botschaft, wo er mich besuchte. Bullitt reist am 21. des Monats nach Paris, nachdem er fast drei Monate abwesend war. Er fährt mit einem ganzen ‚Koffer’ voll Instruktionen, Unterredungen und Direktiven vom Präsidenten Roosevelt, vom Staatsdepartement und von den Senatoren, die zu der Kommission für Auswärtige Angelegenheiten gehören.

Aus der Unterhaltung mit Bullitt hatte ich den Eindruck, daß er vom Präsidenten Roosevelt eine ganz genaue Definition des Standpunktes erhalten hat, den die Vereinigten Staaten bei der heutigen europäischen Krise einnehmen. Er soll dieses Material am Quai d’Orsay vortragen und soll auch in seinen Unterredungen mit europäischen Staatsmännern davon Gebrauch machen. Der Inhalt dieser Direktiven, die mir Bullitt im Laufe seiner halbstündigen Unterhaltung anführte, ist wie folgt:

1. Eine Belebung der Außenpolitik unter Führung des Präsidenten Roosevelt, der scharf und unzweideutig die totalitären Staaten verurteilt.

2. Die Kriegsvorbereitungen der Vereinigten Staaten zur See, zu Lande und in der Luft, die in beschleunigtem Tempo durchgeführt werden muss und die kolossale Summe von Dollar 1.250.000.000 verschlingen.

3. Die entschiedene Ansicht des Präsidenten, daß Frankreich und England jeder Kompromisspolitik mit den totalitären Staaten ein Ende machen müssen. Sie sollen auf keine Diskussion, die irgendwelche Gebietsveränderungen bezwecken, mit ihnen eingehen.

4. Eine moralische Versicherung, daß die Vereinigten Staaten die Isolierungspolitik verlassen und bereit sind, im Falle eines Krieges aktiv auf Seiten Englands und Frankreichs einzugreifen. Amerika ist bereit, sein ganzes Material an Finanzen und Rohstoffen zu ihrer Verfügung zu stellen.“

Bereits Mitte Januar 1939 stand also die Strategie, mit der Roosevelt einen Krieg mit Hitler vom Zaun brechen wollte, fest. Er wollte die damals geführten Verhandlungen zwischen Deutschland und Polen zu einem kriegerischen Konflikt eskalieren lassen. Polen, England und Frankreich sollten sich im Vertrauen auf eine amerikanische Unterstützung unnachgiebig zeigen und hartnäckig jeden Vorschlag zu einer Rückkehr Danzigs ablehnen.

Nicht nur dem polnischen Botschafter in Washington, Jerzy Potocki, sondern auch dem polnischen Botschafter in Paris, Juliusz Lukasiewicz, ist Roosevelts Plan von William C. Bullitt vorgelegt worden. Im Februar 1939 berichtete Lukasiewicz nach Warschau, dass „die Teilnahme der Vereinigten Staaten am Kriege“ gewiss sei, „natürlich erst eine gewisse Zeit nach Ausbruch des Konfliktes. Botschafter Bullitt drückte das wie folgt aus: Sollte ein Krieg ausbrechen, so werden wir sicherlich nicht zu Anfang an ihm teilnehmen, aber wir werden ihn beenden.“

Auf Lukasiewicz’ Einwand, dass sich die Londoner Regierung möglicherweise Roosevelts Plänen verschließen könne, antwortete Bullitt: „Die Vereinigten Staaten verfügen England gegenüber über verschiedene und ungeheuer bedeutsame Zwangsmittel. Allein die Drohung ihrer Anwendung dürfte genügen, England von einer Kompro-misspolitik auf Kosten Frankreichs zurückzuhalten.“

Wie aus einer Depesche vom 29. März 1939 hervorgeht, erkannte Juliusz Lukasiewicz sogleich die Gefahr, die von Roosevelts Plänen für Polen ausgingen. Er sagte Bullitt: „Es ist kindisch naiv und gleichzeitig unfair, einem Staat, der sich in einer solchen Lage wie Polen befindet, vorzuschlagen, er solle seine Beziehungen zu einem so starken Nachbarn wie Deutschland kompromittieren und die Welt der Katastrophe eines Krieges aussetzen.“ Er fügte hinzu, „daß Hitler sich ge-zwungen sehen [könnte], uns gegenüber die Anwendung von Zwang zu versuchen, worauf wir nicht anders werden antworten können als bewaffnet. Hierdurch wird ein allgemeiner europäischer Konflikt entstehen, in dessen erster Etappe wir den Druck der gesamten deutschen Macht werden aushalten müssen.“

Weiter heißt es in der Nachricht vom 29. März: „Botschafter Bullitt nahm sich meine Ausführungen sehr zu Herzen und bat mich, sie noch einmal zu wiederholen. Ich sah, daß er jeden Absatz im Gedächtnis festzuhalten versuchte. Später fragte er mich, ob wir ein gemeinsames Bündnis annehmen würden, wenn England und Frankreich uns morgen ein solches vorschlagen sollten.

Am folgenden Tage, dem 25. d. M., teilte mir Botschafter Bullitt mit, er habe sich meine Anschauungen zu eigen gemacht und unter Ausnutzung der ihm zustehenden Rechte dem Botschafter der Vereinigten Staaten in London, Kennedy, den Auftrag gegeben, sich zu Ministerpräsident Chamberlain zu begeben und ihm dies alles unter kategorischer Betonung der Verantwortlichkeit der englischen Regierung zu wiederholen.“

Diese Gespräche vom 24. und 25. März waren offenkundig die Geburtsstunde des berüchtigten „Blankoschecks“ und der dann am 31. März 1939 von Neville Chamberlain auch offiziell verkündeten britischen Garantieerklärung an Polen.

Allein die bis hierher zitierten Dokumente sollten bereits genügen, um Roosevelts Kriegspolitik hinreichend bloßzustellen. Doch es gibt noch weitere Quellen. So berichtete etwa Harry L. Hopkins, einer der engsten Berater des Präsidenten, von einem Gespräch mit dem amerikanischen Finanzberater Bernard M. Baruch, wonach auch Winston Churchill bereits im März 1939 über den kommenden Krieg informiert worden war.

„Am 25. April 1939, vier Monate vor dem deutschen Einmarsch in Polen“, berichtete der deutsch-amerikanische Journalist Karl von Wiegand, „rief mich William C. Bullitt, den ich seit 20 Jahren kannte, in die amerikanische Botschaft. Er erklärte mir: ‚Der Krieg in Europa ist eine beschlossene Sache. Amerika wird kurz nach England und Frankreich in den Krieg eintreten.“

Während es gegenüber Chamberlain und Daladier offenbar direkter Drohungen bedurfte, um sie auf Roosevelts Kriegskurs zu bringen, hatte man mit Beck scheinbar leichtes Spiel. So berichtete der frühere Hohe Kommissar des Völkerbundes für die Freie Stadt Danzig, Carl J. Burckhardt, in seinen Memoiren:

„Am 2. Dezember 1938 hatte mich der amerikanische Botschafter in Warschau, Tony Biddle, besucht. Er erklärte mir mit merkwürdiger Genugtuung, die Polen seien bereit, wegen Danzig Krieg zu führen. ‚Im April’, so erklärte er, ‚wird die neue Krise ausbrechen; niemals seit der Torpedierung der Lusitania bestand in Amerika ein solch religiöser Haß gegen Deutschland wie heute! Chamberlain und Daladier werden durch die öffentliche Meinung hinweggeblasen werden. Es handelt sich um einen heiligen Krieg!’“

Der polnische Botschafter in Washington, Jerzy Potocki, zeigte sich über die Naivität seiner Regierung entsetzt. Während eines Aufenthalts in Warschau erklärte er dem Unterstaatssekretär im Außenministerium, Jan Szembek, am 6. Juli 1939:

„Im Westen gibt es allerlei Elemente, die offen zum Krieg treiben: die Juden, die Großkapitalisten und die Rüstungsfabrikanten. Alle stehen heute vor einer glänzenden Konjunktur, denn sie haben einen Ort gefunden, den man in Brand setzen kann: Danzig; und eine Nation, die bereit ist, zu kämpfen: Polen. Auf unserem Rücken wollen sie Geschäfte machen. Die Zerstörung unseres Landes würde sie gleichgültig lassen.“ Anders als Józef Beck sah Jerzy Potocki offenbar sofort, dass sich Roosevelt Polens nur bediente.

All diese Aussagen lassen meines Erachtens nur eine Schlussfolgerung zu: Roosevelt arbeitete seit 1937 gezielt auf einen Weltkrieg hin. Nach dem Anschluss Österreichs und dem Münchner Abkommen nutzte er den sich Ende Oktober 1938 abzeichnenden Konflikt um die Freie Stadt Danzig, um Polen, England und Frankreich gegen Deutschland in Stellung zu bringen. Obgleich die Abtrennung Danzigs und die Schaffung des Korridors schon immer als der größte Makel des Versailler Friedensvertrags betrachtet wurden, sollten sich Warschau, London und Paris kompromisslos zeigen. Um eine politische Rechtfertigung für eine Intervention Englands und Frankreichs zu schaffen, drängte er die Regierungen von London und Paris zu einer Garantieerklärung an Polen. Warschaus Säbelrasseln sollte Hitler sodann provozieren und ihn in die von Roosevelt ausgelegte Falle tappen lassen – in einen möglichst langen Krieg gegen England und Frankreich.

Angesichts der Erklärungskraft der zitierten Dokumente muss man sich wundern, weshalb sie von nahezu allen Historikern stillschweigend übergangen oder gar bewusst unterschlagen werden. Ja, man muss sich fragen, wie man überhaupt nur ein Buch zur Kriegsursachenforschung schreiben kann, das die diplomatischen Depeschen der polnischen Botschafter in Washington und Paris kurzerhand ausblendet.