Am 11. September 1939 begann Roosevelt eine geheime Korrespondenz mit Churchill. (1) Da dieser Schriftverkehr hinter dem Rücken des Premierministers Neville Chamberlain erfolgte, wurden die Nachrichten über einen Umweg verschickt. Roosevelt und Churchill nutzten hierfür die amerikanische Botschaft in London. Dort wurden die Nachrichten von einem amerikanischen Chiffrierbeamten namens Tyler Kent jeweils entschlüsselt und verschlüsselt.

Wie der amerikanische Botschafter in London, Joseph P. Kennedy, so war auch Tyler Kent ein Non-Interventionist, der die USA aus dem Krieg in Europa herauszuhalten wünschte. Er glaubte Roosevelt bislang aufs Wort, der der amerikanischen Bevölkerung stets versicherte: „Ich habe es bereits gesagt und werde es wieder und wieder sagen: Eure Söhne werdet in keinen fremden Krieg geschickt!“(2)

Tyler Kent war daher verblüfft, als er lesen musste, dass Roosevelt Churchill einen Kriegseintritt Amerikas versprach und bereits nach Wegen suche, das amerikanische Neutralitätsgesetz außer Kraft zu setzen. Wie er entdecken musste, tauschten der Erste Lord der Admiralität und der amerikanische Präsident sogar militärische Pläne aus. So unterrichtete Churchill Roosevelt darüber, dass er die Neutralität Norwegens zu ignorieren gedenke und das Land besetzen lassen wolle, um Deutschland von seiner Erzzufuhr abzuschneiden. Roosevelt bot Churchill seinerseits an, der amerikanischen Navy den Auftrag zu erteilen, die britische Flotte über den Standort deutscher U-Boote zu unterrichten. (3)

Da Roosevelt die Amerikaner offensichtlich belog, machte sich Tyler Kent heimlich Kopien aller relevanten Dokumente. Er dachte daran, diese Dokumente führenden Kongressabgeordneten auszuhändigen, die sodann ein Amtsenthebungsverfahren einleiten könnten. Selbst wenn ein solches Verfahren scheitern sollte, würde Roosevelts offenkundiger Betrug zumindest dafür sorgen, dass er im Herbst 1940 nicht wiedergewählt werden würde. Da sich 1940 immer noch 83 Prozent aller Amerikaner gegen einen Kriegseintritt der USA aussprachen, hätte die Veröffentlichung der geheimen Korrespondenz zwischen Roosevelt und Churchill wohl tatsächlich zum Wahlsieg des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Wendell Willkie geführt.

Doch dazu sollte es nicht kommen. Am Morgen des 20. Mai 1940 traten Mitarbeiter des Scotland Yard die Tür zu Tyler Kents Wohnung ein, um sie im Beisein eines britischen Geheimdienstoffiziers zu durchsuchen. In einer im Kleiderschrank versteckten Ledertasche fand man etwa 1.500 Papiere aus der amerikanischen Botschaft. Kent wurde auf der Stelle verhaftet und ins Londoner Gefängnis von Wandsworth gesperrt.

Ein öffentlicher Prozess in den USA hätte Roosevelt kompromittiert. Daher unternahm die amerikanische Regierung einen ungewöhnlichen Schritt. Sie beraubte Tyler Kent seiner diplomatischen Immunität und ließ ihn in einem geheimen Verfahren in England verurteilen. Obgleich Kent vom englischen Gericht nur wegen des illegalen Besitzes von diplomatischen Dokumenten angeklagt wurde, ließ Roosevelt in den amerikanischen Medien doch das Gerücht verbreiten, er habe für die Nazis spioniert.

Tatsächlich hatte Tyler Kent die Papiere lediglich Archibald Ramsay gezeigt. Ramsay war Mitglied des britischen Parlaments und ein entschiedener Gegner des Krieges gegen Deutschland. Wie viele Engländer betrachtete Ramsay ein starkes Deutschland als ein notwendiges Bollwerk gegen den Bolschewismus. Bereits im Vorfeld des Krieges, im Mai 1939, hatte Ramsay eine entsprechende Organisation gegründet: „The Rights Club“. (5) Da er nicht nur Gegner Stalins, sondern auch Verteidiger Hitlers anzog, geriet der Rights Club schnell in den Blick des britischen Geheimdienstes. Auf diese Weise wurde der MI5 auch auf Tyler Kent aufmerksam.

Unter der Voraussetzung, absolutes Stillschweigen zu bewahren, wurde Kent nach Ende des Krieges entlassen. Obgleich er in Princeton und an der Sorbonne studiert hatte, konnte Kent nie wieder Fuß fassen. Dank Roosevelts Medienkampagne galt er bis zum Ende seines Lebens als „der Mann, der den Nazis half“.

Im Jahre 1982 entschloss sich die BBC, eine Dokumentation über Tyler Kent auszustrahlen. (6) Nach langer Suche fand man ihn verarmt in einer Wohnwagen-Kolonie an der texanisch-mexikanischen Grenze lebend. Die Sendung diente propagandistischen Zwecken. Tyler Kent, so die Botschaft, wäre es um ein Haar gelungen, das notwendige Eingreifen der USA in den Zweiten Weltkrieg zu verhindern. Um ihm sofort jede Glaubwürdigkeit zu nehmen, porträtierte man ihn als einen „Nazi-Sympathisanten“, der er nie war.

Nachdem das Schweigen einmal gebrochen war, entschloss sich Kent, seine Geschichte zu Papier zu bringen. Diskreditiert durch die Medien, zeigte sich lediglich eine kleine revisionistische Zeitschrift, das „Journal of Historical Review“, an seinem Bericht interessiert. In seinem Artikel „The Roosevelt Legacy“ entwarf er ein ähnliches Bild von der Entstehung des Zweiten Weltkrieges, wie es auch diesem Buch zu Grunde liegt. Roosevelt war mit seinem „New Deal“ gescheitert. Angesichts der Wirtschaftskrise und einer Arbeitslosigkeit von 17 Prozent, beschloss er, die politischen Unruhen in Europa zu nutzen, um einen Krieg vom Zaun zu brechen. Wie schon der Erste Weltkrieg, so sollte auch ein Zweiter Weltkrieg für Vollbeschäftigung und Gewinne der Finanz- und Rüstungsindustrie sorgen. Nachdem die Sudetenkrise durch das Münchner Abkommen beigelegt wurde, war Roosevelt entschlossen, den Konflikt um Danzig zum Auslöser eines neuen Krieges zu machen. Hierzu bediente er sich seiner Diplomaten Antony D. Biddle und William C. Bullitt. Biddles Aufgabe bestand darin, die Warschauer Regierung dazu zu drängen, keinerlei Zugeständnisse gegenüber Hitler zu machen und für Danzig zu kämpfen. Bullitts Aufgabe bestand darin, die Londoner und Pariser Regierung dazu zu drängen, Polens Souveränität zu garantieren und im Falle ihrer Bedrohung militärische Unterstützung zuzusagen. Polnisches Säbelrasseln sollte Hitler sodann provozieren und ihn in die von Roosevelt ausgelegte Falle tappen lassen – in einen Krieg mit England und Frankreich.

Wie Kent weiter ausführte, wurde Roosevelt durch Hitlers militärische Erfolge überrascht. Er rechnete mit einem ähnlichen Zermürbungskrieg wie 1914 – 1918. Deutschlands rasche Siege über Polen, Frankreich und England nötigten die USA, weit schneller in den Krieg einzutreten, als es Roosevelt ursprünglich geplant hatte. Die Schnelligkeit, mit der sich der Krieg zugunsten Deutschlands entwickelte, zwangen ihn denn auch zu der Doppelzüngigkeit gegenüber den Wählern und dem Kongress. Während er, um ein drittes Mal Präsident zu werden, weiter versprach, Amerika aus einem europäischen Krieg herauszuhalten, beging er durch die materielle und militärische Unterstützung Großbritanniens und schließlich sogar der Sowjetunion bewusst so viele Verletzungen der Neutralität, dass er auf eine Kriegserklärung durch Hitler hoffen durfte. Nachdem Hitler ihm diesen Gefallen nicht tat, sah sich Roosevelt schließlich gezwungen, die „Hintertür zum Kriege“ zu nutzen: Pearl Harbor.

Winston Churchill soll nach dem Krieg gesagt haben: „Wir haben das falsche Schwein geschlachtet!“ Dies war schon immer Tyler Kents Befürchtung. Bevor er an die amerikanische Botschaft in London kam, war er von 1934 bis 1939 an der Moskauer Botschaft tätig, wo er Stalins „Großen Terror“ mit eigenen Augen erlebte. Eben weil das falsche Schwein geschlachtet wurde, meinte Kent, werden wir tagtäglich in den Zeitungen, dem Fernsehen und den Kinos mit den „Gräueln des Nationalsozialismus“ überschüttet. (7)

(1) Bryan Clough „State Secrets: The Kent-Wolkoff-Affair.“ Hideaway, Sussex 2005
(2) Michael R. Beschloss „Kennedy and Roosevelt: The Uneasy Alliance.“ Norton, New York 1980, S. 222.
(3) Tyler Kent „The Roosevelt Legacy.“ In: The Journal of Historical Review 4: 173 – 203, 1983.
(4) Peter Rand „Conspiracy of One: Tyler Kent’s Secret Plot Against Roosevelt, Churchill, and the Allied War Effort.“ Lyons Press, Guilford 2013.
(5) Archibald Ramsay „The Nameless War.“ Britons Publishing Company, London 1952.
(6) Robert Harris „Report on Tyler Kent.“ BBC Newsnight, 1982.
(7) Tyler Kent „The Roosevelt Legacy.“ In: The Journal of Historical Review 4: 173 – 203, 1983.

Von Edgar Dahl, Autor von „Warum sie Hitler folgten. Die andere Hälfte der Wahrheit.“ Nibe Verlag 2017.