Das heute verbreitete Urteil ist, daß HITLERS Gemälde und Studien keiner kunstkritischen Überprüfung standhalten. Das gelte, weil sie von Hitler stammten, weil ein Kunstwerk etwas von der Persönlichkeit seines Schöpfers bewahre sowie ausstrahle und daher von ihr nicht zu trennen sei.

Vor dem Hintergrund der juristischen Auseinandersetzung um Aquarelle von Adolf Hitler, die nach dem Krieg in die USA gelangt waren, brachte die »Süddeutsche Zeitung« in ihrem Feuilleton vom 26. Mai 2001 einen bemerkenswerten Artikel des US-Publizisten Doug HARVEY, der die Ablehnung einer kritischen Würdigung von HIitlera künstlerischem Werk auf den Punkt brachte:

»Immer, wenn die Auguren über die Bilder Adolf Hitlers sprechen, tun sie es in wegwerfendem Ton — so, als sei die Anerkennung einer visuellen Begabung des Führers gleichbedeutend mit der Sanktionierung des H…….. .« [1]

Offenkundig ist das Bestreben, Hitlers künstlerisches Schaffen als reine lausige Postkartenmalerei zu schmähen und sein späteres politisches Wirken als vergleichbaren Dilettantismus hinzustellen. Das deutsche Volk soll sich fragen, wie der »österreichische Gelegenheitsarbeiter« und »gescheiterte Postkartenmaler« Adolf Hitler zum charismatischen Führer einer ganzen Nation werden konnte und Schuld auf sich lud.

Nichts anderes bezweckte Bertold BRECHT mit seinem im September 1933 entstandenen Lied vom Anstreicher Hitler. In der vierten Strophe heißt es:

»Der Anstreicher Hitler/ Hatte bis auf Farbe nichts studiert / Und als man ihn nun eben ran ließ / Da hat er alles angeschmiert. / Ganz Deutschland hat er angeschmiert.« [2]

Die beliebte Polarisierung: PICASSO – der Maler, Hitler – der Anstreicher, ist nicht stichhaltig. Da gilt es, einiges richtigzustellen.

– 1. Am 2. Oktober 1907 unterzog sich Adolf Hitler als einer von 112 Kandidaten der Aufnahmeprüfung in der Wiener Akademie der Bildenden Künste. In Hitlers Gruppe hießen die Themen der Aufnahmeprüfung:

1. Vertreibung aus dem Paradiese, 2. Jagd, 3. Frühling, 4. Bauarbeiter, 5. Tod, 6. Regen.
Von den 112 Kandidaten wurden 79, darunter Hitler, zum »Probezeichnen« zugelassen, von diesen lediglich 28 zum Studium ausgewählt. Hitler fiel durch. Ein Durchfallen war aufgrund der sehr strengen Prüfungskriterien allerdings kein Beweis für Unfähigkeit. Robin Christian ANDERSEN, der mit Hitler durchfiel, war von 1945 bis 1948 Rektor der Akademie der Bildenden Künste und von 1945 bis 1965 Leiter der Meisterschule für Malerei an derselben Akademie.

Der österreichische Maler und Graphiker Oskar KOKOSCHKA, der im selben Zeitraum Kunst an der Wiener Kunstgewerbeschule studierte, meinte bezeichnenderweise über die Akademie seiner Heimatstadt:

»Die Akademie war ein Hort der Konservativen, den man besuchte, um ein Künstler in Samtrock und Barett zu werden.« [3]

Damit ließ er anklingen, daß die Kandidaten nicht nur künstlerische Begabung, sondern auch gute Beziehungen mitbringen mußten, die Hitler wohl nicht gehabt haben wird.

– 2. Hitler hat schätzungsweise 2000 bis 3000 Zeichnungen, Aquarelle und Ölbilder in seinem Leben geschaffen, [4] die meisten bis zum Jahre 1919. Hitler, der an der Darstellung von Menschen nicht sonderlich interessiert war, war selbstkritisch genug, um einzusehen, daß seine menschlichen Figuren hölzern und ungelenk wirkten. [5] Auch seine Porträtmalerei erwies sich als etwas unwirklich. Seine Stärke lag eindeutig im Architektonischen (siehe Punkte 4): In den frühen Jahren kopierte er zahlreiche bekannte Stadtansichten und berühmte Gebäude.

Hitler war nicht offen für die aufkommenden neuen Kunstrichtungen wie Expressionismus, Kubismus und Dadaismus, die er als »schreckliche Verirrungen« bezeichnete, und selbst der Jugendstil, der im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts in Wien für Furore sorgte, ließ ihn unbeeindruckt. Vertreter des Realismus, darunter der Vedutenmaler Rudolf VON ALT (1812 – 1905), waren seine Vorbilder. Der junge Hitler malte im alten, traditionellen Stil traditionelle Motive, was den Geschmack seiner Kunden aus der unteren Mittelschicht traf.

Gewiß hat er wie viele andere Künstler ebenso, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen und seine Studien zu finanzieren, mitunter auch künstlerisch nicht hochwertige Postkarten gemalt. Man denke beispielsweise an die schnell angefertigten Bilder vom Standesamt Petersbergl, die er an die Neuvermählten gleich verkaufte. In seiner Einführung zum Werkkatalog Hitlers erwähnt Billy F. PRICE jedoch, daß dank seiner Kontakte Hitler Auftragsarbeiten erhielt, »für die er relativ hohe Summen gezahlt bekam«. [6]
Zu diesen Auftraggebern gehörte immerhin der höchste Richter des Obersten Gerichtshofes, Dr. Ernst VON DÖBNER.

Werner MASER berichtet seinerseits, daß nach Hitlers Umsiedlung nach München der Radierer Reinhold HANISCH, den er 1909 in einem Wiener Männerheim kennengelernt hatte, Bilder von Hitler fälschte und sie als Bilder von Hitlers Hand verkaufte. Das läßt den Schluß zu, daß der junge Hitler bei einigen Wiener Kunsthändlern bereits einen verkaufsträchtigen Namen gehabt haben dürfte. [7]

– 3. Es wird allgemein angenommen, daß Hitlers Kunst eine rein reproduzierende und daher starre gewesen sei, die keine Erfindungskraft erkennen lasse. Das ist nicht richtig. In den Wiener Jahren sind unter anderem zahlreiche Reklameentwürfe entstanden. Wer sich mit Hitlers künstlerischem Werdegang befaßt hat, weiß außerdem, daß die Fronterfahrungen im Ersten Weltkrieg nicht nur eine größere Breite der Motive, sondern auch eine größere Spontaneität in der Darstellung erzeugten, da er nun ausschließlich nach der Natur malte oder zeichnete, und nicht mehr nach bestimmten Vorlagen, um in erster Linie den Wünschen seiner Kunden zu entsprechen (»Ich male das, was die Leute kaufen wollen«, soll er in München gesagt haben). Sogar religiöse Motive standen auf einmal im Mittelpunkt seines Interesses, möglicherweise durch die belastenden Erlebnisse des mörderischen Grabenkrieges im Ersten Weltkrieg bedingt.

– 4. Nach der Aufnahmeprüfung 1907 hatte der Rektor der Wiener Akademie, Siegmund L’ALLEMAND, Adolf Hitler bekräftigt, daß die mitgebrachten Zeichnungen keine Eignung zum Maler erkennen ließen, daß seine Fähigkeit vielmehr im Bereich der Architektur liege. [8]
Damit hatte er recht. Hitlers beliebtestes und häufigstes Thema waren tatsächlich Architekturstudien. Sein Skizzenheft aus den Jahren 1925 und 1926 ist bezeichnenderweise fast ausschließlich der Architektur gewidmet.

»Hitler beherrschte ausgezeichnet die Perspektive«, befindet Harvey. Seine aquarellierten Architekturstudien stechen außerdem durch saubere und sichere Linienführung, architektonisch einwandfreie Komposition und vor allem durch sehr genaue Wiedergabe hervor. Letztere ist auf eingehende, umfassende Studien zurückzuführen. Er kannte alle bedeutenden Gebäude Wiens bis ins letzte Detail. Der Bildhauer Arno BREKER war bei seinem Spazierganz mit Hitler, SPEER und GIESLER am frühen Morgen des 23. Juni 1940 durch die französische Hauptstadt von den Detailkenntnissen des Reichskanzlers über die Pariser historischen Bauten stark beeindruckt. [9]

Doug Harveys Gesamturteil fällt nicht gerade politisch korrekt aus: Hitlers Aquarelle »haben einen stillen Reiz… und sind mit einem Geschick und einer Energie gemalt, die unter anderen Auspizien für eine erfolgreiche Kunstkarriere gut gewesen wären«. [10]
In seinem Lexikon der Geschichtsirrtümer schließt sich der Münchener Historiker Jörg MEIDEN BAUER übrigens dieser Wertung an. [11]

Quellenangaben:

[1] Doug Harvey, »Hübsche Ansichten. Hitler, Churchill und Eisenhower als Maler«, in: Süddeutsche Zeitung, 26.5.2001.

[2] Bertold Brecht, in: »Gesammelte Werke«, Suhrkamp, Frankfurt/M. 1967, Bd. 9, S. 441.

[3] Zitiert unter: http://www.bronline.de/ wissenbildung/College radío/medien/ geschichte/hitler/ hintergrund/

[4] Billy F. Price (Hg.), »Adolf Hitler als Maler und Zeichner. Ein Werkkatalog der Ölgemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Architekturskizzen«, Gallant, Zug 1985.

[5] Ebenda.

[6] Ebenda, S. 8

[7] Werner Maser, »Fälschung, Dichtung und Wahrheit über Hitler und Stalin«, Olzog, München 2004, S. 85.

[8] Adolf Hitler, »Mein Kampf«, Zentralverlag der NSDAP, Eher Nachf., München 1942, S. 19. Zitiert auch bei: Werner Maser, ebenda S. 66.

[9] Arno Breker, »Im Strahlungsfeld der Ereignisse 1925 – 1965«, KVE, Schütz, Preußisch Oldendorf 1972, S. 153 – 165.

[10] Harvey, aaO. (Anm. 1).

[11] J. Meidenbauer, »Lexikon der Geschichtsirrtümer«, Piper, München 2006, S. 152 f.

Eines der Aquarelle, die Hitler für die Aufnahmeprüfung 1907 malte. Es befand sich im Nachlaß von Gerdy Troost und wurde erstmals in Werner Masers Buch »Fälschung, Dichtung und Wahrheit über Hitler und Stalin« (Olzog, München 2004, 5. 67) abgebildet
Marterl mit Regendach, Öl/Blech, entstanden 1914.
Reinhold Hanisch, 1910, Werkkatalog 317
Reklameentwurf für »Nigrin Schuhpasta«, 1911, Werkkatalog 320
Billy F. Price (Hg.), »Adolf Hitler als Maler und Zeichner«, 1985.
Der neue Hauptbahnhof München-Pasing, gezeichnet Ende 1938. Höhe der Kuppe!: 100 m, Durchmesser 270 m.