Wie der britische Historiker Ian Kershaw in seinem Buch „Der Hitler-Mythos. Führerkult und Volksmeinung.“ schreibt, war die deutsche Bevölkerung davon überzeugt, dass Hitler ein „Mann des Friedens“ sei. Als der sichtlich übermüdete „Führer“ am 1. September 1939 mit tiefer Enttäuschung in der Stimme verkündete, dass Deutschland sich mit Polen im Krieg befinde, glaubte man ihm daher auch aufs Wort, dass er alles in seiner Macht stehende getan habe, um den seit Monaten schwelenden Konflikt mit dem östlichen Nachbarn friedlich zu lösen.

Und tatsächlich hatte Hitler die mit Polen bestehenden Probleme wieder und wieder auf dem Wege von Verhandlungen zu lösen gesucht. Doch wie kam es eigentlich zu dem Konflikt mit Polen? Nachdem Hitler die meisten der Deutschland in Versailles entrissenen Gebiete „heim ins Reich“ geführt hatte, wünschte er sich nun auch eine Rückkehr der Freien Stadt Danzig. Am 24. Oktober 1938 ließ er seinen Außenminister Joachim von Ribbentrop daher dem polnischen Botschafter Józef Lipski folgendes Angebot unterbreiten: Wenn Warschau sich mit der Rückkehr der Freien Stadt Danzig zum Deutschen Reich einverstanden erkläre, würde Berlin alle übrigen in Versailles getroffenen Gebietsabtretungen anerkennen. Polen dürfe also im Tausch gegen Danzig die deutschen Provinzen Posen, Westpreußen und Ostoberschlesien behalten.

Dies war ein über die Maßen großzügiges Angebot. Um zu sehen, wie großzügig es war, muss man sich zweierlei in Erinnerung rufen. Erstens: Keine der 16 Regierungen der Weimarer Republik hätte auch nur im Traum daran gedacht, die von Deutschland abgetrennten Provinzen Polen zu überlassen. Posen, Westpreußen und Ostoberschlesien waren deutsch und sollten auch weiterhin deutsch bleiben. Und zweitens: Danzig gehörte nicht zu Polen. Danzig war ein Freistaat, dessen Bevölkerung zu 95 Prozent deutsch war. Wenn Warschau einer Rückkehr Danzigs zum Deutschen Reich zugestimmt hätte, hätte Polen also keinen einzigen Quadratmeter eigenen Territoriums verloren.

Am Ende des Gesprächs vom 24. Oktober 1938 bat sich der polnische Botschafter Józef Lipski gegenüber Joachim von Ribbentrop eine Bedenkzeit aus. Der deutsche Außenminister versicherte, dass es mit der Rückkehr Danzigs zum Deutschen Reich keine Eile habe. Die Warschauer Regierung solle das deutsche Angebot in aller Ruhe prüfen und dann einen Termin für weitere Gespräche vorschlagen.

In den darauf folgenden Gesprächen vom 19. November 1938, vom 5. Januar 1939 und vom 21. März 1939 hielt die Warschauer Regierung die Berliner Regierung aber einfach nur hin: Man benötige mehr Zeit, um das deutsche Angebot zu prüfen.

Am 23. März 1939 ordnete Polen jedoch plötzlich eine Teilmobilmachung seiner Streitkräfte an. Als sich von Ribbentrop nach dem Grund der Mobilmachung erkundigte, entgegnete ihm Lipski, dass „er die unangenehme Pflicht habe, darauf hinzuweisen, daß jede weitere Verfolgung der deutschen Pläne, insbesondere soweit sie die Rückkehr Danzigs zum Reich beträfen, den Krieg mit Polen bedeuten.“

Wie kam es, dass Polen Deutschland plötzlich mit Krieg drohte? Am 21. März 1939, also zwei Tage vor der polnischen Teilmobilmachung, trafen sich der französische Außenminister Georges Bonnet und der britische Außenminister Lord Halifax in Paris und beschlossen, Polen eine Garantieerklärung anzubieten. Mit Großbritannien und Frankreich im Rücken ließ sich Polen nun dazu hinreißen, laut mit dem Säbel zu rasseln.

Am 31. März 1939 verkündete der englische Premierminister Sir Neville Chamberlain im Unterhaus offiziell die britische Garantieerklärung an Polen: Seiner Majestät Regierung habe sich verpflichtet, Polen alle in ihrer Macht stehende Hilfe zu gewähren, sollte es sich in seiner Unabhängigkeit bedroht fühlen und sich mit seinen Streitkräften zum Widerstand gezwungen sehen.

Diese Garantieerklärung war ein „Blankoscheck“ für Polen. Nachdem Außenminister Oberst Józef Beck verkündet hatte, dass „ein von Polen abhängiges Danzig ein Symbol polnischer Macht“ sei, konnte sich Warschau bereits durch weitere deutsche Vorschläge zur Rückkehr Danzigs „in seiner Unabhängigkeit bedroht fühlen“.

Der Blankoscheck an Polen stieß denn auch selbst in Großbritannien bei vielen Politikern auf harsche Kritik. Der frühere Kriegspremier Sir David Lloyd George bezeichnete Chamberlains Garantieerklärung kurzerhand als ein „hirnrissiges Versprechen“. Der frühere Kriegsminister Duff Cooper sagte: „Niemals in der Geschichte hat England einer zweitrangigen Macht die Entscheidung darüber eingeräumt, ob Großbritannien in einen Krieg einzutreten habe oder nicht. Jetzt ist diese Entscheidung einer Handvoll Leuten überlassen, deren Namen in England vollkommen unbekannt sind. Und diese Unbekannten können morgen die Entfesselung eines europäischen Krieges befehlen.“ Sir Roy Denman verurteilte die Garantie nach dem Krieg als „die verantwortungsloseste Verpflichtung, die eine britische Regierung jemals abgegeben hat. Sie legte die Entscheidung über Krieg und Frieden in Europa in die Hände einer rücksichtslosen, unnachgiebigen, säbelrasselnden Militärdiktatur.“

Überhaupt war es schwer verständlich, weshalb England plötzlich für Danzig in einen Krieg zu ziehen bereit war. Unmittelbar nach Versailles bezeichnete der damalige britische Außenminister Austen Chamberlain die Abtrennung Danzigs und die Bildung des Polnischen Korridors als einen fatalen Fehler, „für den keine Londoner Regierung je die Knochen auch nur eines einzigen britischen Grenadiers opfern wird.“ Selbst Winston Churchill betrachtete die Situation Danzigs als ein Pulverfass. Am 24. November 1932 sagte er vor dem Unterhaus: „Wenn die englische Regierung wirklich wünscht, etwas zur Förderung des Friedens zu tun, dann sollte sie das Problem Danzigs und des Korridors lösen. Wenn diese Fragen nicht gelöst werden, kann keine Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden bestehen.“ Und der britische Botschafter in Berlin, Sir Nevile Henderson, erklärte am 26. April 1939 schließlich: „Wäre Danzig vor sechs Monaten an Deutschland gefallen, würde kein Hahn danach gekräht haben. Eine Rückkehr Danzigs und eine Beseitigung des Korridors erscheint mir als eine durchaus gerechte Regelung. Wenn Schottland von England durch einen irischen Korridor getrennt wäre, würden wir mindestens so viel verlangen, wie Hitler jetzt verlangt.“

Ich werde im nächsten Kapitel zu erklären versuchen, was England und Frankreich zu der Garantieerklärung an Polen veranlasste. Für den Moment ist nur wichtig, dass der Blankoscheck die Warschauer Regierung dazu verführte, nicht nur jede weitere Verhandlung über Danzig abzulehnen, sondern Deutschland sogar bewusst zu provozieren.

Am 5. Mai 1939 hielt der polnische Außenminister Józef Beck vor dem Parlament eine Rede, für die er frenetischen Beifall erntete. Er erklärte, dass die Friedensbestimmungen von Versailles gerecht gewesen seien und sprach Deutschland jedes Recht ab, auf eine Rückkehr Danzigs zu drängen. Geradezu kämpferisch fügte er hinzu: „Unsere Generation, die ihr Blut in verschiedenen Kriegen vergossen hat, verdient ganz sicher eine Zeitspanne des Friedens. Aber Frieden – wie fast alles in dieser Welt – hat seinen Preis, hoch, aber bestimmbar. Wir in Polen erkennen die Auffassung von ‚Frieden um jeden Preis’ nicht an. Im Leben von Männern, Nationen und Staaten gibt es nur eines, das keinen Preis hat, und das ist die Ehre.“

Nach der Teilmobilmachung seiner Streitkräfte stellte diese an Hitler gerichtete Kampfansage ein erneutes Säbelrasseln Polens dar. Doch es sollte noch weit schlimmer kommen. Von der Presse und dem Rundfunk unterstützt, verkündeten polnische Politiker, dass die Deutschen, die in den von Polen annektierten Provinzen lebten, „Staatsfeinde“ seien. Ab Mitte Mai 1939 wurden daher in vielen Orten Polens deutsche Schulen geschlossen. Deutsche Studenten, die an einer polnischen Universität studierten, wurden am Besuch ihrer Vorlesungen gehindert. In Warschau warf man die Fensterscheiben der Deutschen Botschaft ein. Vor dem Eingang demonstrierten Menschen mit Parolen wie „Es lebe das polnische Danzig!“, „Nieder mit Hitler!“ oder „Nächste Woche gehen wir nach Berlin!“ Und immer häufiger bekamen die Volksdeutschen jetzt zu hören: „Wenn es zum Krieg kommt, werden wir Euch alle aufhängen!“

Am 19. Juni 1939 berichtete der deutsche Botschafter in Warschau, Graf von Moltke, dem Auswärtigen Amt in Berlin: „Die Lage der deutschen Volksgruppe hat sich im Verlauf der letzten Wochen ganz wesentlich verschlechtert und die Verhetzung hat Ausmaße angenommen, wie ich sie während meiner langjährigen hiesigen Tätigkeit noch nicht habe beobachten können. Am Dienstag, den 13. Juni, […] erfolgte der bisher schwerste Schlag gegen das Deutschtum mit der Enteignung des Deutschen Hauses in Bromberg, der Schließung des Deutschen Hauses in Lodsch und der Beschlagnahmung des Deutschen Hauses in Tarnowitz. […] Auf meine Frage, ob er es nicht für angezeigt halten würde, der gefährlichen Politik Einhalt zu gebieten, antwortete mir der polnische Staatssekretär Graf Szembek nur mit einem resignierten Achselzucken.“

Im August wurde die Lage der deutschen Minderheit in Polen geradezu unerträglich. Kirchen, in denen man deutsche Gottesdienste abhielt, wurden gestürmt. Auf dem Lande wurden deutsche Höfe angezündet. Und in den Städten wurden die Menschen auf offener Straße verprügelt. Am 20. August 1939 forderte der Politiker Michał Grazynski von seinen Landsleuten: „Schlagt die Deutschen nieder, wo ihr sie trefft!“ Am 25. August begannen die polnischen Behörden mit der Verhaftung und Verschleppung von 15.000 Volksdeutschen. In Deutschland mussten Zeltlager eingerichtet werden, um die aus Polen strömenden Flüchtlinge aufzunehmen. Nach offiziellen Angaben sollen bis zum Kriegsausbruch 78.000 Volksdeutsche ins Reich geflohen sein; noch einmal 18.000 retteten sich nach Danzig.

Angesichts dieser polnischen Übergriffe auf Volksdeutsche warnte der britische Botschafter in Berlin, Sir Nevile Henderson, seine Regierung in London. Er schrieb: „Die Elemente, die dazu neigen, Deutschland zu demütigen, werden durch Presseartikel in England und Polen bestärkt. Es mag sein, daß die Demütigung für Hitler heilsam ist, aber wenn diese gefährliche Politik nicht die der Regierung Seiner Majestät ist, so schlage ich ernstlich vor, daß sowohl in Warschau als auch in London das Äußerste getan werden sollte, um zu verhindern, daß Hitler in den nächsten Wochen in eine Lage getrieben wird, in der des Diktators Stolz ihm nicht mehr gestatten werde, langsam zu treten, selbst wenn er es wollte.“

Henderson hatte recht. Die polnischen Übergriffe auf Deutsche glichen einer schallenden Ohrfeige in das Gesicht des Führers. Wenn Hitler nicht sein Gesicht verlieren wollte, war er gezwungen, endlich zu handeln. Doch was konnte er tun? Wenn er Polen den Krieg erklärt hätte, wären England und Frankreich auf Grund ihrer Garantieerklärung genötigt gewesen, an der Seite Polens zu kämpfen. Hitler wollte aber keinen Krieg mit England und Frankreich. In dieser ausweglosen Situation nahm er Stalins Angebot eines Nichtangriffspaktes an. Der am 23. August 1939 unterzeichnete „Hitler-Stalin-Pakt“ sollte die Regierungen von London und Paris dazu bewegen, ihre Garantieerklärung an Warschau zurück zu nehmen. Ohne die Hilfe der Sowjetunion, meinte Hitler, müssten England und Frankreich schließlich einsehen, dass sie gar keine Möglichkeit hätten, Polen wirksam zu helfen.

Hitlers Hoffnung erfüllte sich jedoch nicht. Am 25. August 1939 unterzeichneten die Regierungen Londons und Warschaus einen Britisch-Polnischen Beistandspakt. Da England trotz des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes zu seiner Garantie stand, blies Hitler den für den 26. August geplanten Angriff auf Polen ab. Er wandte sich an London und bat die britische Regierung, ihm dabei zu helfen, sich mit Polen auf friedlichem Wege einigen zu können. Am 28. August erhielt man in Berlin eine Antwort aus London: Seiner Majestät Regierung hätte die Zusicherung der polnischen Regierung, dass sie bereit sei, in erneute Besprechungen einzutreten. Hitler bedankte sich am 29. August für die britische Vermittlung und ersuchte um die Entsendung eines „mit allen Vollmachten versehenen polnischen Unterhändlers“ für den 30. August nach Berlin.

Der 30. August 1939 verging, ohne dass ein polnischer Unterhändler in Berlin erschien. Stattdessen wurde bekannt, dass Warschau die Generalmobilmachung der polnischen Streitkräfte befohlen hatte. Hitler rief General von Brauchitsch zu sich und bestimmte nun einen neuen Angriffstermin auf Polen: Am 1. September ab 5 Uhr 45!

Meines Erachtens kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Warschauer Regierung den Krieg wollte. Mit England und Frankreich an seiner Seite war sich Polen des Sieges gewiss. Nach einem kurzen Feldzug hoffte man in Berlin zu stehen. Nicht nur Posen und Westpreußen, sondern auch Schlesien und Ostpreußen wären dann polnisch. Damit wäre der Grundstein für das erhoffte Großpolen gelegt, das von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer reichen sollte. Diese Siegeszuversicht zeigte sich wohl nirgends so deutlich wie darin, dass der polnische Oberbefehlshaber Marschall Edward Rydz-Smigly im Sommer 1939 ein Gemälde in Auftrag gab, dass ihn hoch zu Ross vor dem Brandenburger Tor darstellte.

Für den Zweck dieses Buches ist es jedoch ohne jeden Belang, was ich selbst denke. Von Belang ist allein, dass die damalige deutsche Bevölkerung den Feldzug gegen Polen als einen zwar bedauernswerten, aber notwendigen Krieg empfand. Angesichts der immer gewaltsamere Formen annehmenden Übergriffe auf Volksdeutsche war Hitler moralisch berechtigt, Polen den Krieg zu erklären. In den Augen der damaligen Generation war es ein „gerechter Krieg“!

In diesem Zusammenhang sei auch noch einmal gesagt, dass es vollkommen irreführend ist, wenn man bis heute von einem „Überfall auf Polen“ spricht. Wie der Militärhistoriker Heinz Magenheimer zu Recht schreibt, kann man nur dann sinnvoll von einem Überfall sprechen, wenn der Gegner ahnunglos und unvorbereit ist: „Beides traf im Falle Polens nicht zu.“

Aus dem Buch „Warum sie Hitler folgten“ von Edgar Dahl.

Hitler verkündet im Reichsparteitag die Kriegserklärung gegen Polen.
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