Die kriegerischen Auseinandersetzungen Deutschlands mit einem hochgerüsteten, halbmobilisierten Polen bedeuteten 1939 einen Krieg wie hundert andere bisher und bis heute. Erst die Lügen und Intrigen eines einzigen Politikers und seiner Hintermänner führten zu einer Ausweitung in einen zunächst europäischen, dann weltweiten verheerenden Krieg.

Georges Etienne BONNET, 1938/39 Frankreichs Außenminister, gehörte zu jenen Kräften in Frankreich, die, eingedenk der verheerenden Folgen des Ersten Weltkrieges, zusammen mit Italien vor und nach dem 1. September den Frieden zu retten suchten. Folgt man den Ausführungen des Historikers David L. HOGGAN, [1] so hat London, das ohne Frankreich niemals den Krieg erklärt hätte, von Anfang an alles daran gesetzt, eine Friedenskonferenz zu verhindern. Bereits am späten Abend des 31. August hatte London BONNET gewarnt, daß England jeden Vorschlag zu einer Friedenskonferenz sofort ablehnen werde. Doch BONNET wollte unbedingt am italienischen Friedensplan festhalten, zumal der französische Ministerpräsident DALADIER bereit war, ihn zu unterstützen. Der britische Außenminister HALIFAX hingegen versuchte nun mit allen Tricks, BONNETS Plan zu vereiteln.

Eine chronologische Übersicht über den 1. und 2. September 1939 zeigt ganz klar, welcher Politiker hier als der Hauptverantwortliche zeichnet. [2]

1. September 1939:

HALIFAX drängt Rom, den italienischen Friedenskonferenzplan aufzugeben, während BONNET im Gegensatz dazu Rom bittet, sich weiter um eine Konferenz zu bemühen.

17.00 Uhr: Unterstaatssekretär im britischen Foreign Office, Sir Alexander CADOGAN, fordert BONNET auf, Frankreich solle noch am selben Tag mit den Briten in Berlin die Kriegserklärungen übergeben. [3]
Doch BONNET will am italienischen Friedensplan festhalten.

2. September:

10.00 Uhr: Berlin erhält von Außenminister CIANO den Konferenzplan. HITLER und RIBBENTROP zeigen sich sogleich interessiert.

16.00 Uhr: HITLER stimmt dem italienischen Konferenzplan zu. Er erklärte sich bereit, sich in Polen um einen Waffenstillstand für Sonntagmittag, den 3. September, einzusetzen.

16.00 Uhr: HALIFAX informiert BONNET, daß England auf gar keinen Fall einer Konferenz zustimmen werde.

17.00 Uhr: CIANO telefoniert mit HALIFAX, dieser ist über HITLERS Zustimmung verstimmt. Noch weniger paßt ihm BONNETS Mitteilung, daß das französische Kabinett bis wenigstens 21.00 Uhr tagen werde. HALIFAX wollte aber am gleichen Abend noch bekanntgeben, daß England und Frankreich sich für den Krieg entschieden hätten.

18.38 Uhr: HALIFAX lügt CIANO vor, daß London ein für allemal die Bedingungen HITLERS zur Teilnahme an einer Konferenz ablehne. Es gelingt ihm, CIANO einzureden, daß jede weitere diplomatische Bemühung Roms vergeblich sei.

19.30 Uhr: CHAMBERLAIN trat mit der Unwahrheit vor das Unterhaus, der italienische Plan sei abgelehnt worden. Die Deutschen hätten, so lügt er, auf einer Konferenz bestanden, während ihre Truppen in Polen weiter vorgingen.

20.00 Uhr: CIANO benachrichtigt Berlin, Italien habe seine Bemühungen um eine diplomatische Konferenz aufgegeben.

20.30 Uhr: BONNET ruft CIANO an und ist entsetzt, als er erfährt, daß Rom den Konferenzvorschlag bereits zurückgezogen habe.

21.50 Uhr: CHAMBERLAIN ruft DALADIER an und fordert ihn auf, noch vor Mitternacht die französische Zustimmung zu geben, Deutschland am 3. September um 8.00 Uhr früh ein endgültiges Ultimatum zu stellen. Doch DALADIER lehnt ab.

22.30 Uhr: HALIFAX, der genau weiß, daß England Deutschland ohne Frankreich niemals den Krieg erklären werde, ruft BONNET an und lügt ihm vor, daß England auf jeden Fall sein eigenes Ultimatum überreichen werde. BONNET entsetzt der Gedanke, daß ein Bruch mit Großbritannien ihm zur Last gelegt werden würde, wenn er nicht nachgäbe. So gibt er HALIFAX die Zusage, Frankreich werde sich seiner Kriegspolitik anschließen.

BONNET verlor den größten Kampf seines Lebens, als er sich der britischen Kriegspolitik unterwarf, die aus HITLERS Krieg gegen Polen einen europäischen Krieg werden ließ, der dann wiederum zu einem Weltkrieg ausartete. Allerdings war sich BONNET sehr wohl bewußt, was er tat, als er den Kriegsplan eines ausländischen Staates annahm. Seine Kapitulation wider seine eigene bessere Überzeugung endete nicht nur in einer Katastrophe Frankreichs, sondern in einer ganz Europas.

Damit steht einwandfrei fest: Die Ausweitung zum Zweiten Weltkrieg beruht sowohl auf dem Versagen BONNETS als auch auf den Intrigen und Lügen des Lord HALIFAX und seiner Hintermänner.

Am 6. Dezember 1938 beteuerte BONNET nach der Unterzeichnung der »Deutsch-Französischen Erklärung«:

»Aus diesem Grunde freue ich mich besonders über die Unterzeichnung dieser französich-deutschen Erklärung, die die bestehenden Grenzen in feierlicher Form anerkennt und damit einen langen historischen Streit beendet sowie den Weg zu einer Zusammenarbeit ebnet, die durch die Überzeugung erleichtert wird, daß zwischen den beiden Ländern kein Streitpunkt besteht, der geeignet wäre, die friedlichen Grundlagen ihrer Beziehungen in Frage zu stellen… Im übrigen zweifle ich nicht daran, daß diese gemeinsame Erklärung einen wichtigen Beitrag zur allgemeinen Befriedung bildet…« [4]

Quellenagaben:

[1] David L. Hoggan, »Frankreichs Widerstand gegen den Zweiten Weltkrieg. Die französische Außenpolitik von 1934—1939«, Verlag der deutschen Hochschullehrer-Zeitung, Tübingen 1963, S. 432 ff.

[2] Georges Bonnet, »Fin d’une Europe«, Genf 1948. Gekürzte deutsche Ausgabe: »Vor der Katastrophe, Erinnerungen des französischen Außenministers 1938/39«, Köln 1951.

[3] DBFP 3 VII Dok. 718 (Documents on British Foreign Policy), London.

[4] Deutsche Weißbücher, 2/1939, Dok. 332

Hinweis: In dem 2004 bei Grabert, Tübingen, erschienenen Buch von Hans Meiser, »Gescheiterte Friedensinitiativen 1939-1945«, wird der hier zusammengefaßte Vorgang in dem Kapitel »England verhindert Frankreichs Versuch, den Frieden zu retten« ausführlich dargestellt.
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Artikel aus »Der grosse Wendig«, Band 1.

Sie prägten die Außenpolitik Großbritanniens vor dem Zweiten Weltkrieg. Hier: Edward Halifax (Außenminister 1938-1941)
William Strang (seit 1937 Leiter der Deutschland-Abteilung im Foreign Office, setzte sich für ein Bündnis mit der Sowjetunion ein.)
Links Robert Vansittart (ab 1937 erster diplomatischer Berater des Außenministeriums) und rechts Alexander Cadogan (Unterstaatssekretär ab 1938).
Georges Bonnet (1889-1973), Radikalsozialist, 1938-39 Außenminister im Kabinett Edouard Daladier.
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