Wann immer Adolf Hitler in München wohnte, pflegte er in der „Osteria Bavaria“ zu speisen. In diesem in Schwabing an der Ecke Schelling- und Schraudolphstraße gelegenen Traditionslokal arbeitete eine alte Österreicherin, für deren vegetarische Kochkünste Hitler schwärmte. Zudem erfreute sich das Restaurant in Künstlerkreisen großer Beliebtheit.

Als er am 9. Februar 1935 wieder einmal in der Osteria saß und sich gerade ein Glas Fachinger bestellt hatte, bemerkte er nur wenige Tische weiter eine auffallend große Frau mit einer üppigen blonden Haarmähne. „Wer ist denn dieses Urbild einer Germanin?“, fragte er. Neugierig zu erfahren, wer sie sei, schickte er seinen persönlichen Adjutanten Julius Schaub zu ihr hinüber.

Wie sich herausstellte, war sie Engländerin. Hitler, der bekanntlich eine anglophile Ader hatte, ließ sie sogleich zu sich bitten. Nur wenige Minuten, nachdem sie an seinem Tisch Platz genommen hatte, zeigte sich, dass sie weit mehr als nur eine brave Internatsschülerin war, die in dem von der Baronin Laroche geleiteten Mädchenpensionat für höhere Töchter in der Königinstraße Deutsch lernte.

Sie war Lady Unity Mitford, die 19jährige Tochter von Lord Redesdale, einem britischen Grafen, der in einem Tudorschloss in der Nähe von Gloucestershire residierte. Ihr Mittelname lautete „Valkyrie“, also „Walküre“. Diesen Namen hatte die wie eine Wikingerin aussehende Lady Mitford ihrem Großvater zu verdanken, der ein glühender Bewunderer der Musik von Richard Wagner war. Als sie ihm erzählte, dass sie in einem Ort namens „Swastika“, also „Hakenkreuz“, geboren wurde, kam Hitler aus dem Staunen nicht mehr heraus. Und als sie erwähnte, dass sie mit Winston Churchill verwandt sei, begann er schließlich zu glauben, dass die Vorsehung ihre Hand im Spiel haben müsse.

Unity Mitford war von Hitler so hingerissen, dass sie ihrer Schwester noch am selben Tag von ihrer Begegnung mit „dem Führer“ schrieb: „Ich ging zu seinem Tisch. Er stand auf, schüttelte mir die Hand und grüßte. Wir sprachen mindestens eine halbe Stunde miteinander. Mona, die Kellnerin, beugte sich zu mir und flüsterte: ‚Soll ich Ihnen eine Fotopostkarte bringen?’ Er ließ mich meinen Namen auf einen Zettel schreiben, was ich, wie du mir glauben kannst, mit zitternder Hand tat, und schrieb dann selber ‚Fräulein Unity Mitford, zur freundlichen Erinnerung an Deutschland und Adolf Hitler.’ Ich kann dir nicht alles schreiben, worüber wir sprachen. Er habe das Gefühl, London durch seine Architekturstudien gut zu kennen, und aus dem, was er gehört und gelesen habe, sei London die beste Stadt der Welt. Nie wieder dürfe es dem internationalen Judentum erlaubt werden, zwei nordische Rassen gegeneinander zu hetzen. Schließlich musste er gehen. Den Zettel mit meiner Adresse steckte er ein und meinen Lunch ließ er auf seine Rechnung setzen. Du kannst dir vorstellen, wie ich mich fühle. Ich bin so glücklich, daß ich am liebsten sterben möchte. Ich glaube, dass ich das glücklichste Mädchen der Welt bin. Und ich habe nichts geleistet, wodurch ich diese Ehre verdient hätte.“

Hitler, der schon seit der Zeit, da er „Mein Kampf“ schrieb, von einem Bündnis mit dem Britischen Empire träumte, vergaß die englische Aristokratin nicht. Bereits Anfang April erhielt Unity Mitford eine Einladung zu einem Diner in Hitlers Privatwohnung auf dem Münchner Prinzregentenplatz, wo sie unter anderem Winifred Wagner, der Schwiegertochter des berühmten Komponisten, vorgestellt wurde.

Nachdem Unity auf diese Weise durch Hitler in die Große Gesellschaft des NS-Regimes eingeführt wurde, öffneten sich sämtliche Türen für sie. So wurde sie schon kurz darauf zur Hochzeit von Hermann Göring mit der Schauspielerin Emmy Sonnemann eingeladen. Wenn sie in Berlin war, wohnte sie in der Privatresidenz von Joseph Goebbels auf der Halbinsel Schwanenwerder und segelte mit dessen Frau Magda auf dem Wannsee. Und Julius Streicher lud sie zur jährlich veranstalteten Sonnenwendfeier auf dem Hesselberg, dem „heiligen Berg der Franken“, ein.

Noch im selben Jahr, Ende 1935, wurde Unity Mitford in die NSDAP aufgenommen. Hitler persönlich überreichte ihr das Parteiabzeichen, auf dessen Rückseite er seinen Namenszug eingravieren ließ. Zudem schenkte er ihr sein Porträt mit einer persönlichen Widmung, das sie wie einen Schatz hütete.

In ihrer Heimat sind diese Ereignisse natürlich als ein Skandal betrachtet worden. Der Vater, Lord Redesdale, war jedoch Kummer gewohnt. Unity war nur eine von sechs Töchtern, die alle skandalumwittert waren. Ihre ältere Schwester Diana ließ sich von dem Multimillionär Bryan Guinness, dem Baron von Moyne, scheiden, um Sir Oswald Mosley, den Begründer der Britischen Union der Faschisten, zu heiraten.

Ihre jüngere Schwester Jessica hatte den Beinamen „die rote Mitford“ erhalten, weil sie sich zum Kommunismus bekannte. Es heißt, dass sich Unity und Jessica eine Zeit lang ein Zimmer teilten, das mit einem Kreidestrich in zwei Lager geteilt war. In Jessicas Lager hingen ein Bild von Lenin und eine rote Flagge mit Hammer und Sichel, in Unitys Lager dagegen ein Bild von Hitler und eine Flagge mit dem Hakenkreuz.

Schon vor ihrer Begegnung mit Hitler war Unity Mitford also eine begeisterte Anhängerin des Faschismus. Am 1. Oktober 1932 trat sie der von Oswald Mosley gegründeten Faschistischen Partei Großbritanniens bei. Diese Partei war nach dem Vorbild der NSDAP geformt. Ihre Mitglieder nannten sich Schwarzhemden, grüßten mit „Heil Mosley“ und unterhielten mit der „Fashist Defense Force“ eine eigene Schlägertruppe. Ihre Parteizentrale saß im „Schwarzen Haus“.

Unity gefiel sich darin, in schwarzem Kampfanzug mit Gummiknüppel und Parteiabzeichen herumzulaufen. Trotz ihrer Eskapaden durfte sie jedoch auf den Bällen der Lords Rothschild, Salisbury und Astor tanzen. Bei diesen Gelegenheiten führte sie mitunter eine zahme Ratte mit.

Am 31. August 1933 reisten Unity und Diana gemeinsam nach Deutschland, um am Ersten Parteitag der NSDAP in Nürnberg teilzunehmen. Nachdem ein Foto von ihr im „Evening Standard“ erschien, schrieb ihr der Vater einen wütenden Brief: „Ich brauche dir wahrscheinlich nicht zu sagen, wie absolut entsetzt deine Mutter und ich darüber sind, daß du gemeinsam mit Diana die Gastfreundschaft von Leuten akzeptierst, die wir als eine mörderische Bande von Ungeziefer betrachten.“

1935 begaben sich Lord und Lady Redesdale nach München, um sich ein eigenes Bild vom Treiben ihrer Tochter zu machen. Hitler bat sie zum Tee in seine Privatwohnung und gewann sofort ihre Sympathien. Den Vater beeindruckte er mit seiner Bewunderung für die Tapferkeit der britischen Soldaten und die englische Rechtsauffassung. Die Mutter nahm er durch seine gepflegten Manieren und seinen Vegetarismus ein. Schon nach wenigen Minuten tauschten sie Rezepte aus. Hitler stellte dem Paar einen Mercedes zur Verfügung und lud sie auf die Ehrentribüne beim Nürnberger Parteitag ein.

Nach England zurückgekehrt hielt nun Lord Redesdale Lobeshymnen auf Adolf Hitler. Im britischen Oberhaus berichtete er den Lords von den politischen Errungenschaften des neuen Deutschlands. Er schwärmte von dem Wirtschaftswunder, von der erfolgreichen Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und den zahllosen sozialpolitischen Maßnahmen, wie etwa der Verlängerung des Urlaubs von einer Woche auf drei Wochen und den Erhohlungsreisen, die den Arbeitern im Rahmen des Programms „Kraft durch Freude“ ermöglicht wurden.

Unity Mitford und Lord Redesdale standen mit ihrer Begeisterung für Adolf Hitler damals keineswegs alleine in England. Zahlreiche britische Politiker pilgerten zwischen 1934 und 1938 nach Deutschland, um sich die „nationale Wiedergeburt“ des Landes anzusehen, das nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg wirtschaftlich am Boden lag.

Am 4. September 1934 war beispielsweise der frühere Premierminister Lloyd George zu einem dreistündigen Gespräch bei Adolf Hitler auf dem Obersalzberg. Als er anschließend nach Berchtesgaden zurückfuhr, begrüßte ihn seine Tochter Megan vor dem Hotel lachend mit erhobener Hand und rief „Heil Hitler.“ Darauf antwortete Lloyd George: „Jawohl, Heil Hitler, das sage ich auch, denn er ist wirklich ein großer Mann.“ In einem Interview mit dem „Daily Express“ ging der frühere Premier sogar so weit zu sagen: „Hitler ist der George Washington von Deutschland – der Mann, der für sein Land die Unabhängigkeit von allen seinen Unterdrückern gewonnen hat.“

Selbst der größte Gegner Deutschlands, der spätere Premierminister Winston Churchill, schrieb 1937: „Man kann Hitlers System mit Abneigung gegenüberstehen, aber trotzdem seine patriotischen Großtaten bewundern. Sollte unser Land einmal besiegt werden, so hoffe ich, daß wir einen Vorkämpfer des gleichen Schlages finden, der imstande ist, unseren Mut neu zu beleben und uns auf den Platz zurückzuführen, der uns unter den Nationen gebührt.“

Wie alle Nazis, so fühlte sich auch Unity Mitford durch das Lob ausländischer Politiker in ihrem Kampf bestätigt. Als sie von Österreichs „Heimkehr ins Reich“ hörte, eilte sie sogleich nach Wien, um Hitlers Triumphzug beizuwohnen. Nur wenige Tage später berichtete sie einer britischen Zeitung: „Es hat mir das Herz gebrochen, daß ich ihn nicht sah, wie er seinen Geburtsort bei Linz besuchte. Aber ich sah seinen Einzug in Wien. Es war wunderbar.“

Auch bei der Wiedereingliederung des Sudetenlandes befand sich Unity in der ersten Reihe. Auf ihrer Weiterfahrt nach Prag wurde sie allerdings von tschechoslowakischen Sicherheitskräften in Haft genommen. Unter ihrem konfiszierten Gepäck fanden sich ein SS-Dolch, ein Hitler-Porträt und ein Fotoapparat. Hitler wusste ihr „Martyrium“ jedoch zu würdigen. Er schenkte seiner treuen Anhängerin eine neue Leica-Kamera.

Angesichts der gegenseitigen Bewunderung konnte es nicht ausbleiben, dass schon bald Gerüchte auftauchten, wonach Unity Mitford und Adolf Hitler ein Liebespaar seien. Unter diesen Mutmaßungen litt wohl niemand so sehr wie Eva Braun. Als Laborantin bei Hitlers Leibfotografen Heinrich Hoffmann beschäftigt, musste sie sich im Vergleich zu Lady Unity wie eine graue Maus vorkommen. In ihrem Tagebuch notierte sie denn auch mit offenkundiger Eifersucht:

„Wie mir Frau Hoffmann liebevoll und ebenso taktlos mitteilte, hat er [Adolf Hitler] jetzt einen Ersatz für mich. Er heißt Walküre und sieht auch genauso aus, die Beine mit eingeschlossen. Aber diese Dimensionen hat er ja gerne.“

Während sich Eva Braun mit dem Gedanken einer Affäre quälte, trug sich Jessica Mitford mit dem Gedanken eines Attentats. Die „rote Mitford“ schrieb: „Ich könnte meine plötzliche Bekehrung zum Faschismus vortäuschen, Unity nach Deutschland begleiten und dem Führer von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten. In diesem Augenblick würde ich eine Pistole ziehen und ihn erschießen.“

Doch nichts geschah. Stattdessen lud Hitler „seine englische Walküre“ zum Tag der Deutschen Kunst nach München ein. „Zu Walzermusik wurde auf dem Marienplatz getanzt, bei Freibier und Gulaschsuppe. Im Nymphenburger Park ritten die Tänzerinnen des Staatsopernballetts nackt durch den mit Fackeln erhellten Park, es war die Nacht der Amazonen“, berichtete Unitys neue Freundin Henriette von Schirach.

Nur wenig später, am 23. Juli 1938, begleitete Unity Hitler zu den Wagner-Festspielen in Bayreuth. Sie hörte „Tristan“, „Parsifal“, „Rheingold“ und – natürlich – „Walküre“. Am 29. durfte sie Hitler im „Führerzug“ nach Schlesien begleiten, um das Deutsche Turnfest zu sehen.

Als sich im April 1939 abzuzeichnen begann, dass ihre beiden „Heimatländer“, England und Deutschland, gegeneinander in den Krieg ziehen werden, brach für Unity Mitford die Welt zusammen. Hitler versuchte sie zu trösten. Er bot ihr an, ihn „Wolf“ nennen zu dürfen, eine Ehre, die nur wenigen in Hitlers Umgebung zuteil wurde. Unity schrieb: „Die meiste Zeit hielt er meine Hand, sah mich liebevoll an und sagte: ‚Kind!’ Er war so traurig, daß England und Deutschland nun Feinde sind.“

Als Neville Chamberlain am 3. September 1939 Adolf Hitler tatsächlich den Krieg erklärte, ging Unity Mitford zu Adolf Wagner, dem Gauleiter von München. Sie übergab ihm ein Päckchen. Als Wagner es einige Stunden später öffnete, fand er neben Unitys Parteiabzeichen und Hitlers Porträt auch einen Abschiedsbrief. Darin hieß es, dass sie einen Krieg zwischen England und Deutschland nicht ertragen könne und sich das Leben nehmen werde.

Wagner verständigte sofort alle Sicherheitskräfte. Man fand Unity Mitford auf einer Parkbank im Englischen Garten. Sie hatte sich mit einer Pistole in die Schläfe geschossen. In die Münchner Universitätsklinik gebracht, konnte Prof. Magnus feststellen, dass sie durch den Schuss zwar an Armen und Beinen gelähmt war, aber nicht sterben werde.

Als Hitler am 8. November 1939 von Warschau nach München zurückkehrte, um an der alljährlichen Feier zum Gedenken des NS-Putsches von 1923 teilzunehmen, besuchte er zunächst Unity im Krankenhaus. Er schenkte ihr Blumen und brachte ihr das Parteiabzeichen zurück. Beim Anblick von „Wolf“ soll sie die ersten Worte seit ihrem Selbstmordversuch gesprochen haben. Sie bat darum, nach England heimkehren zu dürfen.

Hitler ließ sogleich alles für die Rückkehr arrangieren. Er beglich die Krankenhausrechnung von 4.000 Reichsmark, wählte einen Arzt für die Begleitung aus und stellte beiden einen eigenen Wagon in einem D-Zug zur Verfügung.

In England wurde Unitys Rückkehr aus Nazi-Deutschland zu einem Medienspektakel. Die englische Wochenschau filmte ihre Ankunft. Und zahlreiche Reporter folgten dem Krankenwagen bis zu ihrem Haus in Wycombe. Die „Daily Mail“ bot ihr 5.000 Pfund für ein Exklusiv-Interview an. Doch Lord Redesdale verscheuchte die Journalisten.

Am 28. Mai 1948 verstarb Lady Unity Mitford an den Spätfolgen ihres Selbstmordversuchs.

Unity Mitford(Geb. 8. August 1914 in London, England; Gest. 28. Mai 1948 in Oban, Schottland)
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