In Geschichts- und Schulbüchern [1] liest man, daß am Abend des 31. August 1939 ein deutsches Kommando-Unternehmen unter der Leitung des SS-Sturmbannführers Alfred NAUJOCKS im Auftrag des Chefs des deutschen Sicherheitsdienstes, Reinhard HEYDRICH, einen polnischen Überfall auf den deutschen Sender Gleiwitz in Oberschlesien vorgetäuscht habe, um HITLER einen Kriegsgrund gegen Polen zu liefern. So schrieb zum Beispiel Joachim FEST in seinem Bestseller »Hitler« [2] dazu:

»Ziemlich genau um die gleiche Zeit (am Abend des 31. August um 21 Uhr) drang der SS-Sturmbannführer Alfred NAUJOCKS im Verlauf eines vorgetäuschten polnischen Angriffs in den deutschen Sender Gleiwitz ein, gab eine kurze Proklamation durch, feuerte eine Anzahl Pistolenschüsse ab und ließ die Leichen einiger dafür ausgesuchter Sträflinge zurück.«

Dieser angeblich schon Anfang August vorbereitete Überfall wird auch als Beweis dafür angesehen, daß HITLER den Zweiten Weltkrieg gewollt, provoziert und verbrecherisch vorbereitet habe.

Die genannte Darstellung von FEST wie die anderer Historiker geht allein auf eine eidesstattliche Erklärung NAUJOCKS vom 20. November 1945 vor dem US-Leutnant MARTIN zurück, [3] die beim Nürnberger Prozeß mehrfach herangezogen wurde. Darin schildert NAUJOCKS nach Angaben zur Person – er lief am 19. Oktober 1944 im Westen zu den Alliierten über, nachdem er – was er allerdings verschweigt – vorher strafversetzt, ab 1942/43 aus den Listen der SS gestrichen, zur Wehrmacht überstellt war und dann Frontbewährung erhalten hatte [4] -, daß er »ungefähr am 10. August 1939« von HEYDRICH »persönlich« den Auftrag zu dem Überfall bekommen und sich von da an in Gleiwitz aufgehalten habe. Am Mittag des 31. August habe er telefonisch von HEYDRICH das Schlüsselwort erhalten, daß der Überfall um 20 Uhr abends auszuführen sei. Zu seinen fünf bis sechs SD-Männern habe er einen polnisch sprechenden Deutschen zur Verlesung einer polnischen Botschaft im Sender sowie einen bewußtlosen, noch lebenden, im Gesicht blutverschmierten »Verbrecher« in Zivilkleidung erhalten, den er nach dem wenige Minuten dauernden Überfall »am Eingang der Station« habe liegen lassen.

Wenn FEST und andere von »mehreren Leichen« sprechen, zum Teil auch von solchen in polnischer Uniform, so ist das bezeichnend, stimmt mit der »Quelle« nicht überein und stellt schon eine Fälschung dar. Weitere Verfälschungen phantasiebegabter Autoren bringt Udo WALENDY in seiner ausführlichen Besprechung dieses Falles. [5]

Entscheidend ist jedoch, daß offensichtlich die ganze Darstellung NAUJOCKS in seiner eidesstattlichen Erklärung falsch und erfunden ist, wie bereits mehrere Untersuchungen nahegelegt haben. [6]
So ist auffällig und kaum verständlich,

1. daß NAUJOCKS in seiner Erklärung von 1945 seinen SS-Dienstgrad und seine Dienststellung nicht nennt, nicht einmal seine damalige Zugehörigkeit zum Amt VI des SD;

2. daß HEYDRICH persönlich unter Ausschaltung des gesamten Dienstweges mit NAUJOCKS verkehrt haben und alles nur mündlich und telefonisch erfolgt sein soll, so daß keinerlei Papier darüber existiert;

3. daß für NAUJOCKS Auswahl durch HEYDRICH persönliche Gründe entscheidend gewesen sein sollen, die NAUJOCKS – auch später – nie angab;

4. daß keiner von NAUJOCKS Vorgesetzten oder von den örtlichen SD-Stellen etwas von dem Vorgang wußte;

5. daß NAUJOCKS keinerlei nähere Ortsbeschreibung je lieferte;

6. daß NAUJOCKS keinen seiner angeblichen Mittäter namentlich nannte;

7. daß NAUJOCKS später zugab, daß seine Mittäter keine SD-Leute der Ämter II und VI gewesen seien, sondern aus verschiedenen Abteilungen der HEYDRICH-Behörde stammen sollten;

8. daß die damalige deutsche Propaganda den Fall »Gleiwitzer Sender« nicht auswertete, HITLER und GOEBBELS in ihren Reden darauf keinen Bezug nahmen, nicht einmal der Völkische Beobachter davon etwas erwähnte;

9. daß im deutschen Weißbuch zur Vorgeschichte des Krieges Nr. 1 der Gleiwitzer Fall nur in einer Fußnote, im Weißbuch Nr. 2 in nur vier Zeilen als einer von 44 Grenzzwischenfällen von seiten der Polen erwähnt wird;

10. daß die polnische Presse diesen Fall damals nicht behandelte und die deutsche Version nicht richtigstellte;

11. daß die niedere Charge NAUJOCKS den Gestapo-Chef Heinrich MÜLLER »anwies« – so NAUJOCKS – »den Mann (den »Verbrecher«) in der Nähe der Radiostation an mich abzuliefern«;

12. daß die Beschäftigten am Sender Gleiwitz vor und nach 1945 den »Überfall« ganz anders schildern;

13. daß der zuständige Gleiwitzer Polizeipräsident SCHADE beim Nürnberger Prozeß nicht gehört wurde, obwohl er von Russen und Amerikanern mehrfach verhört worden war; er wurde dann bald in einem polnischen KZ erschlagen;

14. daß NAUJOCKS zusätzliche Angabe der Erklärung von MÜLLER, »er hätte ungefähr 12 oder 13 verurteilte Verbrecher, denen polnische Uniformen angezogen werden sollten und deren Leichen auf dem Schauplatz der Vorfälle liegen gelassen werden sollten, um zu zeigen, daß sie im Laufe der Anschläge getötet worden seien«, nie bestätigt werden konnte, aber als weitere, Deutschland belastende Behauptung durch die Literatur ging und geht;

15. daß keiner der in Nürnberg 1945 Angeklagten Kenntnis von dem Überfall hatte; [7]

16. daß NAUJOCKS in einem späteren Spiegel-Interview (13.11.1963, S. 71) angab, daß der Text des vorzulesenden Aufrufes von seinen Leuten selbst verfaßt sei, er dafür keine Anweisung erhalten habe, was bei solcher Planung im damaligen Deutschland höchst unwahrscheinlich ist;

17. daß Tatzeugen die von NAUJOCKS angeblich abgegebenen Schüsse nicht gehört haben;

18. daß auch andere von NAUJOCKS angegebene Mordkommandos nie zu beweisen waren;

19. daß NAUJOCKS für diesen Fall von den Alliierten nie belangt wurde, sondern 1945 in die Freiheit entlassen wurde;

20. daß auch bei NAUJOCKS späterem Wiederauftauchen in der Bundesrepublik Deutschland er nie zur Rechenschaft gezogen wurde.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß NAUJOCKS 1945 mit anderen Gefangenen im US-Internierungslager Langwasser saß:

»Seinen damals dort gleichfalls internierten Kameraden hat er nie eine Andeutung gemacht, daß er mit dem Überfall auf den Gleiwitzer Sender etwas zu tun gehabt habe… Im Lager Langwasser hatte Herr NAUJOCKS eines Tages mit dem IMT-Pfarrer Pater SIXTUS eine längere Unterredung. Anschließend erklärte er seinen Kameraden, er werde aus dem Lager herauskommen und nach Südamerika fliehen. Am nächsten Morgen war er verschwunden.« [8]

Als seine eidesstattliche Erklärung vor dem Nürnberger IMT behandelt wurde, galt sein Aufenthalt als »unbekannt«. [9]
Er wurde beim IMT nicht vernommen. Als er später unter seinem richtigen Namen wieder in Deutschland auftauchte, wurde er nie verfolgt, nicht bestraft, sondern lebte in überraschend guten Verhältnissen bis zu seinem Tod. Er hat sich wohl – wie HÖTTL – durch seine Falschaussage mit Belastung Deutschlands Vorteile verschafft.

Seit 1991 liegt die Darstellung eines Tatzeugen vor [10], des Volksschullehrers Otto RADEK, der als Hauptmann d. R. für die im Sommer 1939 in Oberschlesien aufgebaute Grenzwacht, eine aus Freiwilligen bestehende paramilitärische Organisation der Deutschen im Raum Gleiwitz, Kommandeur war. Der Gleiwitzer Sender, der nur rund sieben Kilometer von der deutsch-polnischen Grenze entfernt lag, wurde von der 3. Kompanie, Grenzwachtbataillon 1/68, mit scharfer Munition bewacht. Er habe von dem »Überfall« in den Radionachrichten des Breslauer Senders gehört, sei dann sofort zum Sender Gleiwitz gefahren und habe dort alles in Ruhe vorgefunden. Von Schießereien habe man nichts gewußt, Einschlagspuren von Geschossen habe es nicht gegeben. Die Wachmannschaft habe berichtet, daß sie einige SS-Männer in Zivil, die sich ordnungsgemäß ausgewiesen hätten, in den Senderaum gelassen habe, wo diese über ein Wettermikrophon Sprechübungen in Deutsch und Polnisch veranstaltet hätten. Nach wenigen Minuten hätten sie sich korrekt wieder verabschiedet. Ein Anruf des Kommandeurs beim Armee-Kommando in Breslau habe ergeben, daß alles in gewollter Ordnung sei.

Zur Bestätigung, daß am Sender alles ruhig war und blieb, gibt RADEK auch Nachbarn des Gleiwitzer Senders an, die nach der Meldung des Breslauer Senders von aufgeregten Verwandten aus Breslau angerufen worden seien, was denn passiert sei, und diesen erklärten, daß nichts vorgefallen sei.

Den wohl endgültigen Beweis dafür, daß NAUJOCKS den wesentlichen Inhalt der eidesstattlichen Erklärung erfunden oder gegen Zusicherung von Leben und Freiheit frei Erfundenes unterschrieben hat, liefert folgende, erst um 1995 durch Veröffentlichung eines Buches [11] bekannt gewordene Tatsache. Ende der fünfziger Jahre lebte NAUJOCKS in Hamburg als Besitzer mehrerer Häuser und Kiesgruben ziemlich wohlhabend. Der als Verfasser mehrerer Bücher hervorgetretene Hans Werner WOLTERSDORF lernte ihn über einen seiner Mieter kennen und hatte dann ein Gespräch mit ihm: [12]

»Im Jahre 1959 besuchte er (NAUJOCKS) mich. Wir aßen zu viert gemeinsam zu Mittag. Es stellte sich bald heraus, daß er der Alfred NAUJOCKS war, der mit dem Gleiwitzer Sender zu tun hatte… Wir kamen auf die Sache mit dem Sender Gleiwitz zu sprechen. Er wartete zurückhaltend, was ich davon zu erzählen wußte. Ich kannte nur die Schulbuchgeschichte von dem fingierten Überfall auf den Sender Gleiwitz. Er widersprach nicht. Ich sagte ihm, daß in den Nürnberger Prozessen und unzähligen anderen Kriegsverbrecher-prozessen Tausende von Menschen wegen viel geringerer Vergehen hingerichtet oder lebenslänglich eingesperrt worden seien. Er aber habe nach eigenem Eingeständnis eine Anzahl von KZ-Häftlingen ausgewählt und in polnische Uniformen gesteckt, wohl wissend, daß keiner von ihnen lebend davonkommen werde. Das sei heimtückisch vorbereiteter Mord. Trotzdem habe man ihm kein Haar gekrümmt. Wie das zu erkären sei, wollte ich wissen.

»Sie sehen, daß ich noch lebe«, sagte er, »sogar gut lebe; und das ist für mich die Hauptsache« [13]

Für Hans Werner WOLTERSDORF und einen weiteren, jetzt noch lebenden Teilnehmer an diesem Gespräch, die der Verfasser beide deswegen besuchte und sprach, war damals eindeutig klar, daß NAUJOCKS mit dieser erpreßten Unterschrift 1945 seine Freiheit erlangt und vielleicht das Leben gerettet hatte und daß nichts von seiner Schilderung in der eidesstattlichen Erklärung der Wahrheit entsprach.

Das Interesse der Sieger an einem solchen Geständnis in der damaligen Zeit ist gut zu verstehen. Die Alliierten brauchten im Herbst 1945 – vor dem Bekanntwerden der ebenfalls wohl gefälschten HOSSBACH-Niederschrift – solch eine Aussage, um belegen zu können, daß HITLER angeblich schon um den 10. August, also Wochen vor Kriegsbeginn und vor dem Deutsch-sowjetischen Pakt vom 23. August 1939, zum Krieg drängte und »polnische Provokationen« als Kriegsgrund suchte, daß also alle dokumentierten Friedensbemühungen der Reichsregierung nur Vorwand gewesen seien.

Die übliche Darstellung, wonach Deutsche mit Schießereien und mindestens einem Toten den Sender Gleiwitz 1939 überfallen haben, darf damit wohl als eine weitere Geschichtsfälschung zu Lasten Deutschlands gelten. Ein solcher Überfall hat offensichtlich gar nicht stattgefunden. Warum der deutsche Sender Breslau eine diesbezügliche Meldung abgab, ist noch ungeklärt.

Quellenangaben:

[1] Zum Beispiel Janusz PLEKALKIEWICZ, »Der Zweite Weltkrieg«, Pawlak, Herrsching 1986, S. 72; Christian ZENTNER u. Friedemann BEDÜRFTIG (Hg.), »Das große Lexikon des Zweiten Weltkrieges«, Südwest, München 1988, S. 221; Jürgen RUNZHEIMER: in »Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte«, 1962.

[2] Joachim FEST, »Hitler«, Ullstein, Berlin 1973, S. 823

[3] Internationales Militär-Tribunal (Hg.), »Der Nürnberger Prozeß«, Delphin Verlag, München 1984, Bd. 4, S. 270, Dokument 2751 PS, voller Wortlaut am 20.12.1945 vor dem IMT verlesen.

[4] Hans Werner WOLTERSDORF, »Hinter den Kulissen der Macht«, Eigenverlag, Remagen 1995, S. 149 ff.

[5] Udo WALENDY, »Europa in Flammen«, Verlag für Volkstum und Zeitgeschichtsforschung, Vlotho 1967, S. 66-82.

[6] W.R.A., in: »Nation Europa«, Nr. 5, 1964, S. 27-30; Ralf, in: »Nation Europa«, Nr. 5, 1961, S. 40 ff.

[7] IMT, aaO. (Anm. 3), Bd. 10, S. 580.

[8] »Nation Europa«, Nr. 5, 1964, S. 27.

[9] Ebenda.

[10] Bernhard RADEK, »Achtung, Achtung! Hier spricht der Gleiwitzer Sender«, in: GJei- wt?(er-BeuthenerTarnomt%er Heimatblatt, Sept. 1991, S. 4 ff.

[11] WOLTERSDORF, aaO. (Anm. 4), S. 149 ff.

[12] Ebenda.

[13] Ebenda, S. 151
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Artikel aus »Der grosse Wendig«, Band 1

Der Sender Gleiwitz. Das zwischen den beiden Gittermasten befindliche Gebäude soll Naujocks mit fünf oder sechs SD-Leuten sowie einem polnischsprechenden Dolmetscher am 31. August 1939 besetzt haben.
Alfred Naujocks (1911 – 1966)
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