Am 15. April 1943 betonte Hitler seinen Operationsbefehl Nummer 6 für das “ Unternehmen Zitadelle“ :
“ Ich habe mich entschlossen, sobald es die Wetterlage zulässt, als ersten der diesjährigen Angriffsschläge den Angriff “ Zitadelle“ zu führen. Diesem Angriff kommt daher ausschlaggebende Bedeutung zu. Deshalb sind alle Vorbereitungen mit größter Umsicht und Tatkraft durchzuführen. Die besten Verbände, die besten Waffen, die besten Führer, große Munitionsmengen sind an Schwerpunkten einzusetzen.
 
Der Sieg von Kursk muss für die Welt wie ein Fanal wirken. Es kommt darauf an, das Überraschungsmoment weitgehend zu wahren und den Gegner vor allem über den Zeitpunkt des Angriffs im Unklaren zu lassen. Zu Geheimhaltung sind nur die unbedingt notwendigen Persönlichkeiten in die Absicht einzuweisen. Es muss auf jeden Fall erreicht werden, dass nicht wieder durch Unvorsichtigkeit und Nachlässigkeit etwas von den Absichten verraten wird. „

Als Hitler diesen Befehl gab, kannte Moskau bereits seine Pläne!
 
Die Rote Armee war im Begriff, in Kursk die größte und am besten vorbereitete Schlacht ihrer Geschichte zu schlagen.
 
Der dortige Verteidigungsraum der Roten Armee wurde in einer Tiefe und mit einer Gründlichkeit hergerichtet, wie es den sowjetischen Truppen bisher nicht möglich gewesen war.
 
Die Generäle Watutin und Rokossowski zwängten 7 Armeen in die Kursker Ausbuchtung. Die Verteidigung im Inneren des Frontbogens war in sechs Linien gestaffelt, zwei weitere wurden vor die Reservearmeen gelegt. Ungefähr 4800 km Gräben wurden in einer Tiefe von 300 km eingezogen. Zehntausende Kilometer Stacheldraht gelegt, Panzerhindernisse gebaut. Tausende von Kanonen und Mörserpositionen stellten die höchste Artilleriekonzentration dar, die die Welt bis dahin gesehen hatte. Wohl am folgenschwersten war, dass General Schuko etwa eine Millionen Landminen verlegen ließ. Desweiteren hatte man Flüsse gestaut, um deutsche Panzer durch Öffnen der Dämme in Wassermassen einschließen zu können, und 150 Feldflugplätze angelegt.
 
Als alle vorbereitenden Arbeiten abgeschlossen waren, warteten 1.336.000 Mann, 3.444 Panzer, 2.900 Flugzeuge und 19.000 Artilleriegeschütze auf die deutschen Angreifer.
 
Ein Offizier der “ Tigerabteilung 503″ schrieb dazu später:
“ Die Sowjets hatten ein Verteidigungssystem errichtet, dessen Tiefenausdehnung für uns unvorstellbar war.“
Überraschung sieht anders aus!
 
Obwohl die Rote Armee vorher und nacher nie mehr eine so gründliche Vorbereitung auf eine Operation vornehmen konnte, unterlief ihr ein beinahe tödlicher Fehler.
So hatteman bei der Verteilung der deutschen Kräfte den Schwerpunkt des deutschen Angriffs im Norden des Kursker Frontabschnittes bei der „Heeresgruppe Mitte“ erwartet und die Abwehrmaßnahmen entsprechend konzentriert. Von Kluges Divisionen stießen so auf Feuergassen, die “ zufällig“ genau an ihren Stoßrichtungen errichtet waren. Die Minenfelder im Norden besaßen über 60 Kilometer Tiefe. (1) (2)
 
Tatsächlich waren aber die Truppen der Wehrmacht im Süden der Kursker Ausbuchtung weit gefährlicher und stärker. Generaloberst Hermann Hoths 4. Panzerarmee gelang später dort um ein Haar dort ein Durchbruch durch das Verteidigungssystem.
 
Hatte sich die russische Führung auf falsche Informationen verlassen?
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Zu viele Informationen können schaden: deutsche Täuschungsmanöver und Verwirrungen bei der russischen Führung.
 
Noch bevor HItler am 15. April 1943 im Rahmen seines Operationsbefehls Nummer 6 “ Unternehmen Zitadelle “ als ersten von mehreren geplanten Angriffschlägen befahl, nannte der russische General Schukow schon am 12. April 1943 Kursk als wahrscheinlichstes Ziel der deutschen Sommeroffensive. Entsprechende Verteidigungspläne waren in Auftrag gegeben. (3)
 
Eine unglaubliche Vielzahl von Verratsquellen und die westalliierte Funkaufklärung (ULTRA) trugen dazu bei, dass die Russen über die deutschen Pläne bei Kursk schneller und besser informiert waren als die meisten Frontkommandeure der Wehrmacht.
 
Hauptquelle für diese entscheidenden Informationen waren neben der englischen Funkaufklärung „ULTRA“ der Verrat aus der Schweiz. Die sogenannten “ Roten Drei“ hatten von dort im April 1943 die wesentlichsten Inhalte der Aufmarschpläne der Deutschen wie sie in Rastenburg und Berchtesgaden verkündet worden waren, an die Führung in Moskau weitergeleitet. Schon die Erstfassung des Wehrmachtführungsstabs wurde umgehend nach Moskau geschickt. Schukows angeblicher Instinkt ist damit geklärt.
 
Allerdings wurden Stalins Planer dann Opfer von Überinformationen über die deutschen Absichten: Meinungsverschiedenheiten in der deutschen Führung hatten für ein mehrmaliges Vertagen des Angriffstermins auf Kursk gesorgt.
 
So kam schon am 20. April 1943 aus dem Netz der “ Roten Drei“ die Information, dass der Termin des ursprünglich für die erste Maiwoche geplanten Angriffs auf Kursk verschoben wurde. 14 Tage später meldeten die Agenten aus der Schweiz als neueste Nachricht aus dem Führerhauptquartier, der Beginn der deutschen Offensive solle am 12. Juni 1943 stattfinden. Wieder umsonst !
 
Die nicht endenden Verschiebungen des deutschen Angriffstermins hatten auf russischer Seite für große Verwirrung gesorgt. Immer wurden die Soldaten der Roten Armee in Alarmbereitschaft versetzt, jedes Mal passierte nichts.
 
Stalin führte diese wiederholten Verzögerungen des Angriffs schließlich auf dunkle Motive zurück und äußerte zunehmend Zweifel an den wahren deutschen Absichten. Ende Juni 1943 war aber auch Stalin dann überzeugt, dass Hitler bei Kursk angreifen lassen würde. Die Verratsinformationen waren einfach zu genau !
 
Die deutsche Luft- und Funkaufklärung hatte ihrerseits bald entdeckt, dass sich die Russen im geplanten Angriffsabschnitt bei Kursk in größtem Umfang auf den “ geheimen“ deutschen Großangriff vorbereiteten. Immer mehr Verantwortlichen wurde klar, dass der Gegner auf die Wehrmacht wartete !
 
Wenn man eine Chance auf Erfolg trotzdem wahren wollte, sah man die einzige Chance darin, die Russen über die eigenen Absichten und besonders über den geplanten Angriffstermin möglichst lange im unklaren zu lassen.
 
So ließ der Kommandeur der 9. Armee, General Model, Panzermanöver in Deutschland auf Tonband aufnehmen, um die Bänder dann mit starken Lautsprechern in der Nähe der sowjetischen Linien in Waldgebieten vorzuspielen. Ziel war, der Roten Armee den falschen Eindruck über den wirklichen Aufenthalt der deutschen Panzertruppen zu geben. (4)
 
Auch wurden die Luftwaffeneinheiten bis zum letzten Moment in anderen Sektoren der Ostfront zurückgehalten. So sollten die erste Fliegerdivision des “ Luftwaffenoberkommandos“ Ost ( Luftflotte 6) im Norden und das 8. Fliegerkorps der Luftflotte 4 im Süden als Hauptverstärkung erst am Vorabend des Angriffs auf ihre neuen Einsatzflugplätze um Kursk verlegen. (5) (6)
 
Am wichtigsten war für die russischen Planer nun das genaue Datum des deutschen Angriffs. Was hatte man ihnen nicht alles schon aus bisher zuverlässigen Quellen genannt: den 3. Mai, 16. und 26. Mai und den 12. Juni, alles Termine, an denen der Angriff in der Tat ja vorgesehen war.
 
Die Deutschen sahen nun ihre Chance und versuchten, die Sowjets wenigstens durch Desinformation in die Irre zu führe, dass “ Zitadelle“ aufgeschoben worden sei. Diese Falschmeldungen liefen über die englischen “ ULTRA“- Funkentzifferungen sowie über die sogenannte “ Rote Kapelle“ in der Schweiz nach Moskau.
 
Am 27. Juni 1943 fielen die sowjetischen Spionagecenter in der Schweiz gar auf frechere Falschmeldungen herein, die auf Befehl von Generaloberst Alfred Jodl verbreitet wurden. Danach würden die deutschen Maßnahmen im Kursker Bereich nun nicht mehr zum Angriff dienen, sondern nur noch zur Vorbereitung einer Gegenoffensive für die aus dem Kursker Bogen erwarteten sowjetischen Angriffe.
 
Als Höhepunkt der deutschen Desinformationsversuche wurde General von Manstein, der Oberbefehlshaber der “ Heeresgruppe Süd“, am 1. Juli 1943 gar zu einem mehrtägigen Besuch in Bukarest erwartet.
 
Die Landung von Mansteins in Bukarest wurden dann auch sofort von Agenten in der Hauptstadt dem sowjetischen Oberkommando in Moskau gemeldet. (7)
 
Nach seiner Landung sollte von Manstein aber sofort nach Rastenburg weiterfliegen, um nach vollendeter Konferenz aus Ostpreußen wieder in Rumänien aufzutreten. Nach außen schien alles zu funktionieren.
 
Der ausgeklügelte Täuschungsplan war jedoch genauso wie die vorherigen Desinformationsversuche am Ende sinnlos, da die Sowjets noch in der gleichen Nacht von Hitlers Angriffsentschluss im ostpreußischen Hauptquartier informiert wurden.
 
Fußnoten:
 
1.)Richard Overy, Russlands Krieg 1941-1945, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2011, S. 306-309 u. 314
 
2.)Christer Bergström, Kursk- the Air Battle, July 1943, Classic, Hersham 2007, S.167
 
3.)Richard Overy, Russlands Krieg 1941-1945, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2011, S. 311 f.
 
4.) Nach der Schlacht von Kursk scheint es trotzdem zu einer großen Vertrauenskrise zwischen Moskau und den “ Roten Drei“ gekommen zu sein, Siehe: Helmut Roewer, Die Rote Kapelle und andere Geheimdienstmythen, Ares, Graz 2010, S.292-295
 
5.) Mark Healy, Zitadelle, Spellmount Publishers, Stroud 2008, S.60
 
6.)Christer Bergström, Kursk- the Air Battle, July 1943, Classic, Hersham 2007, S.16
 
7.)Paul Carell, Verbrannte Erde, Ullstein, Berlin 1966, S.14. ff

Führerbesprechung im Hinblick auf die “ Operation Zitadelle“ im deutschen Hauptquartier in der “ Wolfsschanze“ bei Rastenburg 1943
Zur Wahrung der Funkstille überbringt ein Meldereiter zu Beginn der Schlacht von Kursk den Angriffsbefehl. Die Russen kannten aber schon längst Hitlers Absichten.
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