Eine deutsche Überraschung hätte das Ende der Roten Armee bedeuten können oder: Warum war der Verrat von Kursk für die Russen so wichtig?
1941 war die Wehrmacht noch zur Generaloffensive (- Präventivschlag) von Finnland bis zum Schwarzen Meer angetreten. Ein Jahr später reichte es nur zu einem Angriff im Südteil.
Im Frühjahr 1943 standen die sowjetischen Generäle vor einem schwierigen Problem. Zweimal schon, während der Sommerschlacht en 1941 und 1942, hatten sie sich im Hinblick auf Schwerpunkt und Stoßrichtung des deutschen Angriffs verkalkuliert. Die Folgen waren existenzgefährdend für Russland. Ein weiteres Mal durften sie sich nicht mehr täuschen. Dahinter steckte die brutale Wahrheit, dass das zweite Kriegsjahr die Sowjetunion keineswegs weniger Menschenleben gekostet hatte als die kritischen ersten zehn Monate nach Beginn des “ Unternehmens Barbarossa“.

Aus den verfügbaren Geheimdienst- und Verratsinformationen war für Stalings Führungsmannschaft zu erkennen, dass die deutsche Wehrmacht im Frühjahr 1943 zu einer groß angelegten Generaloffensive nicht mehr in der Lage war. Eine Sommerschlacht wie in den Vorjahren stand trotzdem zu erwarten.
Noch gefährlicher wurde die Lage, weil die Tanks der Roten Armee 1943 erstmals technisch den deutschen Panzern “ PZ IV lang „, “ Tiger „, “ Panther“ und “ Ferdinand“ deutlich unterlegen waren. Es stand zu befürchten, dass den gepanzerten Stoßtruppen Stalins unter ungünstigen Umständen auch nach Stalingrad erneut wie 1941 die Vernichtung drohte.
Die sowjetischen Streitkräfte brauchten deshalb vor allen Dingen zwei Informationen: Wo und wann würden die Deutschen zuschlagen?
Abhilfe war in Sicht!
“ Wir wissen es „
Am 1. Juli 1943 empfing Hitler alle Armeeführer des Ostfront sowie die am “ Unternehmen Zitadelle “ beteiligten kommandierenden Generäle in seinem Teehaus auf dem Oberberghof und erklärte ihnen:
“ Ich habe entschieden, den Angriffstermin für Zitadelle auf den 5. Juli festzusetzen. „
Schon in den letzten Stunden jenes Tages erhielt der sowjetische Nachrichtendienst die unmissverständliche Nachricht, dass die Deutschen bei Kursk nun kommen würden. Die “ Verwaltung Aufklärung“ teilte dem Generalstab der Roten Armee in der Nacht zum 2. Juli mit, es sei sicher, dass die Gegner in den nächsten Tagen, spätestens aber am 6. Juli, zum Angriff übergehen werde. (1) (2)
Tatsächlich begann dann am 5. Jli 1943 die von Hitler unter strengster Geheimhaltung befohlene große Operation “ Unternehmen Zitadelle „.
Die Frage entsteht, wie die Sowjets von Deutschlands Aufmarsch bis hin zum genauen Angriffstermin Kenntnis bekamen und ob die Deutschen nicht sogar wussten, dass ihr geheimer Plan längst Stalin bekannt war.
Wer verriet als erster “ Operation Zitadelle“?
Es waren nicht die russischen Spionagesender der “ Roten Drei“ in der Schweiz oder ULTRA, die dem sowjetischen Oberkommando den ersten Hinweis auf den geplanten deutschen Angriff gaben.
Am 13. März 1943 hatte Hitler seinen “ Operationsbefehl Nummer 5″ unterzeichnet, also schon zehn Tage vor dem Ende der deutschen Gegenoffensive bei Charkow. Hitler hatte darin den formellen Schluss verkündet, künftig eine begrenzte Offensivoperation durch die Heeresgruppen „Mitte“ und “ Süd“ zu starten, um die Kursker Frontausbuchtung zu zerstören. Der Angriff bekam den Namen “ Operation Zitadelle“. Aber schon bevor Hitler am 15. April 1943 den ergänzten „Operationsbefehl Nummer 6“ dazu herausgab, kannte Moskau seine Absichten.
Das sowjetische Oberkommando erhielt diese Erstinformation, wie gesagt, nicht von der “ Roten Drei“ oder ULTRA, sondern vom Stabsche des 101. Slowakischen Regiments, Jan Nalepka. Sein slowakisches Regiment war seit 1942 in der deutschen Front südwestlich von Minsk vor den Eisenbahnknotenpunkten zur Sicherung der Verbindungswege eingesetzt. Nalepka hatte Kontakt zu sowjetischen Partisanen gesucht und bekam sie zum Partisanenverband “ “ Saburow“, der im südwestlichen Gebiet zwischen Weißrussland und der Ukraine operierte. Der Stabschef hatte einen sowjetischen Verbindungsmann namens Labrew.
Alexander N. Saburow berichtete später über die Einzelheiten des Verrats: “ Labrew brachte Informationen von Nalepka, die unseren Stab zwangen, die ganze Nacht hindurch angestrengt zu arbeiten. Er hatte uns Angaben zur neuen Offensive des Gegners an der sowjetisch-deutschen Front mitgeteilt. Sie trug den Decknamen “ Zitadelle“. Saburow ließ in der Nacht zum 29. März 1943 Nalepkas Materialien nach Moskau funken. Dabei hatte es sich vorwiegend um Dokumente aus dem Stab der “ Heeresgruppe Mitte“ gehandelt, die von Kluge befehligte. Unter diesen Papieren befanden sich nicht nur eine Lagebeurteilung im Hinterland der “ Heeresgruppe Mitte“, sondern auch eine Weisung über einzuleitende Maßnahmen im Zusammenhang mit der vorgesehenen Sommeroffensive “ Operation Zitadelle“.
Wie wichtig diese Informationen für das sowjetische Oberkommando waren, geht daraus hervor, dass das russische Hauptquartier sofort mit einem Funkspruch reagierte und Saburow anwies, die Quelle, die diese Nachricht zur “ Operation Zitadelle“ über gegeben hatte, für eine staatliche Auszeichnung vorzuschlagen.
Jan Nalepka, der 1943 starb, wurde – als einziger Slowake – posthum zum “ Helden der Sowjetunion“.
Im Jahre 2004 beförderte ihn der slowakische Präsident ebenfalls posthum zum Brigadegeneral.
Interessant dürfte sein, wie und durch wen die Informationen aus dem Stab der “ Heeresgruppe Mitte“ zum Stabschef des 101. slowakischen Regiments so zeitnah kamen.
Fußnoten
1.) Janunsz Piekalkiewicz, Unternehmen Zitadelle, Gustav Lübbe, Bergisch-Gladbach 1983, S.91-95,116 f. u. 137.

2.) Helmut Wagner, Der Krieg Deutscher Geheimdienste gegen den Osten seit 1917, Das neue Berlin, Berlin 2011, S.375-379

 

Frontverlauf April–Juli 1943. Deutlich zu sehen ist der sowjetische Frontvorsprung um die Stadt Kursk.
Jan Nalepka (1912-1943)
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