Eines der größten Versäumnisse des deutschen Ostheeres war es, den Eismeer-Hafen von Murmansk auf der Halbinsel Kola nie erobert zu haben.
Am 22. September 1941 hatte die deutsche Lappland-Armee ihren wiederholten Versuch aufgeben müssen, den Fluss Liza zu überschreiten. Von da an blieb die Front im hohen Norden bis zum Sommer 1944 relativ stabil und unbeweglich.

Dies bedeutete, dass der Hafen von Murmansk ein wichtiger Angelpunkt der westalliierten Hilfslieferungen an die Sowjets blieb. Tatsächlich liefen über Murmansk ein Viertel aller sogenannten “ Lend-Lease-Güter“.
Zwar ging die Mehrheit der Lieferungen über die Pazifikroute an die Sowjets, aus Neutralitätsgründen (zwischen Russland und Japan herrschte ein NIchtsangriffspakt) handelte es sich dort aber nur um Zivilgüter.
So bekam Russland fast alle der während des Krieges gelieferten 22.800 Panzerfahrzeuge, 321.700 LKW sowie 78.000 Jeeps und 20.000 Flugzeuge über die Eismeerroute im Rahmen des Pacht- und Leihvertrages.
Auch wenn sich um die über Geleitzüge nach Osten laufenden Materiallieferungen jahrelang erbitterte Luft- und Seeschlachten entwickelten, gelang es den Alliierten doch, mit der durchgekommenen Fracht die russische Kriegsmaschinerie entscheidend zu stützen.
Dies wirkte sich besonders in den Jahren nach Stalingrad aus, als sich die Sowjets vor allem auf die von den Verbündeten gelieferte Motorisierung stützen konnten. Ihre Wirkung war so bedeutend, dass der Vorstoß der Roten Armee durch Osteuropa nach Meinung „moderner“ Forscher ohne US- , englisches oder kanadisches Material kaum möglich gewesen wäre. (1)
Auch für die direkte sowjetische Kriegsführung war die “ Bärenfütterung“ wichtig. So stammten von den im Juli 1943 bei Kursk abgeschossenen Panzern der Roten Armee 20 Prozent aus den USA. Dazu blieben bei der “ Operation Zitadelle “ Unmengen an zerstörten “ Churchill “ – “ Stuart“ und “ Valentine“ Panzern auf den Schlachtfeldern.
Auch bei den Kämpfen in Ungarn 1944/1945 spielten später Lend-Lease Sherman Panzer auf seiten der Russen die Rolle eines wichtigen Lückenbüßers.
Nachdem es der deutschen Luftwaffe nie gelungen war, trotz erbitterter Angriffe mit Stukas, Zerstörern und Horizontalbombern die Eisenbahnlinien von Murmansk in das russische Hinterland wirksam zu unterbrechen, hätte nur eine Bodenoffensive die für das Dritte Reich so gefährliche “ Fütterung des Bären“ abbinden können – dies um so mehr, als an der Eismeerfront im hohen Norden 190.000 deutsche Truppen gebunden waren, die an anderer Stelle der Ostfront dringend gebraucht worden wären.
Diese Chance zur Bereinigung der Lage hätte 1943 bestanden!
Die Rote Armee hatte damals notgedrungen alle irgendwie entbehrlichen Kräfte aus dem hohen Norden abgezogen, da sich im Bereich CHarkow-Kursk-Orel sowie im Süden der Ostfront die Entscheidung des Gesamtfeldzuges anbahnte. (2)(3)(4)
Dies war dem deutschen Lappland-Heer nicht unverborgen geblieben. Sorgfältig gesammelte Ergebnisse von Späh- und Stoßtrupps sowie der Fernaufklärung aus der Luft hatten eindeutig ergeben, dass die Sowjets hier stärkere Kräfte abgezogen hatte. Dies waren in keiner Weise Anzeichen für einen von wesentlichen Teilen des Wehrmachtsführungsstabes hartnäckig behaupteten neuen russischen Angriffsversuch.
Diese angeblichen Angriffsabsichten waren geschickt durch Falschmeldungen russischer Sender ausgestreut worden, um den Abzug deutscher Truppen aus dem hohen Norden und ihre Zuführung an die Brennpunkte des Krieges im Osten zu verhindern.
Wieder kommt die Frage auf, ob man sich beim deutschen Oberkommando hier täuschte, weil man sich täuschen lassen wollte.
In Kreisen seiner Offiziere äußerte sich General Dietl zu diesen falschen Befürchtungen des deutschen Hauptquartiers so: “ Mit einem Angriff auf Skandinavien ist in keinem Falle zu rechnen.“
Auch die Abwehr des Admirals Canaris war keine Hilfe bei der Wahrheitsfindung. (5)
Die deutschen Abwehroffiziere in Finnland unter Fregattenkapitän Alexander Cellarius lieferten nach finnischen Angaben außer Arroganz nur verheerende Leistungen ab und fielen bei ihrer Beurteilung der Feindlage voll auf die sowjetische Fehlinformation herein. Weil sie wider besseren Wissens hereinfallen wollten?
Tatsächlich hatte Finnland im Sommer 1943 350.000 Mann unter Waffen, und die 20. deutsche Gebirgsarmee unter Generaloberst Dietl verfügte etwa über weitere 190.000 Mann.
Damit lag die Kräfteverteilung im Sommer 1943 in diesem Raum 2:1 zugunsten der deutsch-finnischen Truppen. Diese befanden sich in bester Verfassung und waren für einen letzten großen Generalangriff bereit. Ihr Angriff hätte wohl mit hoher Sicherheit zur Gewinnung der großen russischen Eismeer-Häfen und damit zur Abschnürung Stalings von seinen lebenswichtigen westalliierten Lend-Lease-Lieferungen geführt.
Zu jenem Zeitpunkt hätten die Russen vom Süd – und Mittelteil der Ostfront keinerlei Truppen abziehen können, so dass diese Offensive ungleich erfolgversprechender war als der erste, schlecht ausgegangen deutsch-finnische Versuch vom Sommer 1941. ( Dies war ebenfalls auf gezielte Sabotage zurückzuführen)
Die wahren Gründe, warum dieser Angriff ´nicht stattfand, sind interessant.
Bereits im März 1943 wurde die Möglichkeit einer deutsch-finnischen Offensive mit den Finnen besprochen. Feldmarschall Mannerheim wollte jedoch nicht seine Truppen für einen Angriff antreten lassen. Zur gleichen Zeit waren finnische oppositionelle Zirkel dabei, mit den Russen Verhandlungen über einen Friedensschluss aufzunehmen, die man damit nicht gefährden wollte.
Während die Finnen sich weigerte,bei dieser Offensive mitzumachen, versäumte es die deutsche oberste Führung, diesen Waffengang allein anzutreten, obwohl eine solche Solo-Aktion ebenfalls einen Sieg versprach.
Gut informierte Fachleute wie Generalleutnant Andreas Nielsen, Chef des Stabes der Luftflotte 5 im Nordraum, waren dann auch der Überzeugung, dass ein solcher Angriff auf die Eismeerhäfen erfolgreich durchgeführt werden könnte.
Voller Angst vor einer angeblich existierenden russischen Übermacht lehnte das OKW ( Oberkommando der Wehrmacht) aber ab. So stellte sich das Jahr 1943 an der arktische Front als das Jahr der mutwillig verlorenen Chancen des Kriegs im hohen Norden dar.
General Dietls Vorschlag, in Anbetracht des Verzichts auf eine eigene deutsche Offensive wenigstens die überzähligen deutschen Truppen der Lappland-Armee an die wirklich gefährdeten Abschnitte der Ostfront abzuziehen, wurde genauso kategorisch abgelehnt.
In völliger Verkennung der Sachlage stellte der Chef des Wehrmachtsführungsstabes, Alfred Jodl, fest: “ Ein Abzug von Kräften aus Finnland kommt nicht in Frage, da das Gebirgs-AOK 20 bei einem feindlichen Großangriff ganz auf seine eigenen geringen Reserven angewiesen ist.“
Lediglich für den Fall eines Abfalls von Finnland sollten Rückzugspläne aus Lappland vorbereitet werden.
So kam es, dass 190.000 Mann voll kampffähiger und motivierter Soldaten der 20. deutschen Gebirgsarmee trotz fehlender russischer Bedrohung weiter unnütz Wache im hohen Norden schieben mussten, während die Materiallieferungen der Westalliierten weitergingen.
Erst im Jahre 1944 begannen die Sowjets ihre Truppen im hohen Norden entscheidend zu verstärken, um die deutschen Armeen wirklich anzugreifen. Dies erfolgte jedoch erst im Zusammenhang mit dem Kriegsaustritt Finnlands. Auch wurde der echte russische Aufmarsch von den Soldaten Dietls schon Monate vorher genau beobachtet, so dass sich diese auf ihren rechtzeitigen Rückzug erfolgreich vorbereiten konnten.
Für das sinnlose Festhalten der deutschen Lappland-Armee im ersten Halbjahr 1944 als möglichst geschlossene und ungeschwächte Truppe auf einem Nebenkriegsschauplatz kommt auch ein rein innenpolitisches Motiv in Frage. Dieses könnte mit Umsturzplänen zu tun haben.
Gemeint ist damit die Wiederholung einer ähnlichen Situation wie im Spanischen Bürgerkrieg 1936. Damals gelang es den Putschisten, ihre aussichtslose Lage gegen die Regierung in Madrid zu wenden, nachdem die hochmotivierte Marokko-Armee unter General Franco als Verstärkung auf das Festland transportiert worden war. Sollte etwas Ähnliches mit Dietls Streitmacht ablaufen? Es gibt Hinweise darauf, dass der Kommandeur der Lappland-Armee, General Dietl in dieser Hinsicht später vom Militärwiderstand und somit den Verrätern um den Kreis der Verschwörer vom 20. Juli 1944 tatsächlich kontaktiert wurde.
Fußnoten:
1.)Alyona Sokolava, “ American aid to Sojiet Union, or unknown Lend-Lease “ in: Vladivostok News, 13.4.2005
2.)Franz Kurowski, Generaloberst Dietl, Deutscher Heerführer am Polarkreis, Bublies, Schnellbach 2001, S.262-266
3.) Franz Kurowski, Balkenkreuz und Roter Stern, Dörfler, Eggolsheim 2006, S. 396 f.
4.) Werner Girbig, Chronik Jagdgeschwader 5. Eismeerjäger, Motorbuch, Stuttgart, Spezialauflage 2010, S.150 f.

5.)Helmut Rotwer, Die Rote Kapelle und andere Geheimdienstmythen, Ares, Graz 2010, S.398 f.

 

Bei Kursk abgeschossener Lend-Lease Panzer vom Typ “ Churchill“. Die über die Eismeerhäfen angelandeten Lend-Lease Panzer machten über 20 Prozent der im Juli 1943 vernichteten Sowjetfahrzeuge aus.
Lend-Lease LKWs ermöglichten der Sowjetarmee die nötige Motorisierung zum Vorstoß nach Berlin. Eine mögliche Abschneidung der Zufuhr wurde 1943 aus unklaren Motiven verhindert.
Generaloberst Eduard Dietl.
Er durfte den Eismeerhafen Murmansk 1943 nicht erobern und so die Sowjetunion vom lebenswichtigen westalliierten Nachschub abschneiden.
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