Luftfaust
Luftfaust

Zur Tieffliegerabwehr gab es beim Heer nicht nur den »Fliegerschreck« sondern auch die »Luftfaust«.
Es ist hinreichend bekannt, dass die US-Streitkräfte gegen Ende des 2. Weltkrieges bei der Besetzung der Hugo Schneider AG (HASAG) in Leipzig eine Waffe erbeuteten, die in ihren Berichten als „revolutionär“ eingestuft wurde.

Die deutsche Waffenbezeichnung lautete zunächst Luftfaust und ab 04.02.1945 Fliegerfaust.
Bei der 1944 von der Firma HASAG (H. Schneider AG, Leipzig) zuerst entwickelten »Luftfaust-A«, einer Einmann-Flak-Waffe, waren vier Rohre zu einem Bündel zusammengefaßt. Verschossen wurde daraus in einer Salve die 90 g schwere Minengranate mit 2-cm-Kaliber, die 19 g Sprengstoff trug. Diese Geschosse waren auf einen Raketentreibsatz aufgesetzt. Sie erreichten nach dem Verschuß eine maximale Geschwindigkeit von 380 m/Sek.

Die Luftfaust A war eine einfache rückstoßfreie Einmann-Waffe zur Tieffliegerabwehr, die analog zur Panzerfaust als Wegwerfwaffe gehandhabt werden sollte. Aus vier 100 mm langen, nahtlos gezogenen, leicht fächerförmig übereinander angeordnet Stahlrohren mit einem Außendurchmesser von 30 mm konnten gleichzeitig flügelstabilisierte 2 cm Geschosse abgefeuert werden. Die Luftfaustrohre waren in der Mitte durch aufgeschweißte kurze Rohrabschnitte verbunden, die einen durchgehenden Zündkanal bildeten. Auf dem obersten Luftfaustrohr befand sich die Abfeuerungseinrichtung (mit Klappvisier) der Panzerfaust. Die Rohre waren hinten durch aufgeschweißte Blechdistanzstücke miteinander verbunden. Die leicht auseinander strebenden Rohrmündungen waren nicht derartig stabilisiert. Es befand sich auf dem zweiten Rohr vorn seitlich und auf dem dritten Rohr seitlich im hinteren Bereich je eine aufgeschweißte Öse zur Befestigung eines Trageriemens.

Da sich bei der Erprobung nicht nur eine ungenügende Abdeckung des Trefferkreises, sondern auch eine zu große Streuung zeigte, ging man zu mehr und längeren Rohren über.
Die Weiterentwicklung, »Luftfaust-B« genannt, besaß neun Rohre von 1.500 mm Länge. Die neun Granaten wurden in zwei Salven mit 0,2 Sek. Abstand verschossen und bildeten in 500 m Entfernung einen Trefferkreis von etwa 60 m Durchmesser. Die 6,5 kg schwere Luftfaust wurde einfach mit dem hinteren Teil auf der Schulter aufgelegt, einen Rückstoß gab es nicht.
Die Luftfaust B (ab Febr. 1945: Fliegerfaust) war ein Neunling mit dem ein Schrotschuss von 9 Raketen abgefeuert werden konnte. Das Gerät ( 6,0 kg ) hatte mit geladenem Magazin ein Gewicht von ca. 8,5 kg, und war damit nicht viel schwerer als ein normaler Karabiner. Die kreisförmig angeordneten Luftfaustrohre waren nahtgeschweißte Stahlrohre die durch vier Rosetten zusammengehalten wurden. Zwei Mittelrosetten nahmen die Abfeuerungseinrichtung (Stromgenerator der Firma Körting, Leipzig) auf. Die damit erzeugte elektrische Energie genügte, um bis zu 20 Glühbrückenzünder zur Entzündung zu bringen.

Das Magazin war als Verbrauchsmagazin vorgesehen. Zwei einfache Blechteller hielten neun Raketen zusammen. Beim Ladevorgang schoben sich der vordere Teller auf den hinteren auf, wodurch zwei Kontaktstifte mit dem Kontaktring verbunden wurden, an dem die Brückenzünder der Raketen angeschlossen waren. Nach Einführung des Magazins musste der Verschluss durch Rechtsdrehung geschlossen werden. Dadurch wurde ein sicherer Kontakt hergestellt, das Magazin vor dem Herausfallen gesichert und die Luftfaust elektronisch entsichert.

Danach konnte der Schütze die Waffe auf der Schulter in Anschlag bringen. Mit dem Spannhebel wurde der Schlagbolzen des Generators gespannt. Nach dem Entsichern konnten die Raketen mit Hilfe des Abzugshebel abfeuert werden. Drei Meter hinter dem Schützen durften sich keine Personen aufhalten. Angeblich verspürte der Schütze beim Abschuss lediglich einen warmen Luftstrom am Gesicht vorüberströmen

Allgemeines zur Munition
Da in einem Magazin keine Munition mit getrennter Treibladung verwendet werden konnte, musste die 2 cm Sprbrgr L‘ spur W mit der Treibladung verbunden werden. Dazu wurde in ihrer Führungsringrille eine Treibsatzhülse aus einem nahtlosen Präzisionsstahlrohr von 0,6 mm Wandstärke angewürg. In der Brennkammer befand sich eine 42 g schwere Diglykol-Röhre die in Längsrichtung durch je einen, aus Blech geprägten Käfig festgelegt wurde. Der vordere Käfig hatte die Aufgabe beim Anzündvorgang des Treibsatzes eine genügende Gasbildung zu ermöglichen, während der hintere Käfig bei Abbrand die gesamte Oberfläche des Raketentreibsatzes innerhalb von 0,5 Sekunden einen ungehinderten Gasaustritt gewährleistete.

Munition (1. Ausführung)
Um eine stabile Flugbahn sicherzustellen wurde die Rakete zunächst in Anlehnung an die Geschosse der Luftfaust A mit einem Leitwerk vier, gleichmäßig auf dem Umfang verteilt, abgeschrägte Leitwerkflächen aus Federstahl versehen. Die Federbleche waren in Ruhestellung auf dem Leitwerkschaft aufgerollt.
Hinter der Rakete befand sich eine Schwarzpulver Startladung in einer Pappkartusche angeordnet. Die Startladung wurde mittels eines elektrischen Glühbrückenzünders initiiert. Sie brachte die Rakete auf eine Anfangsgeschwindigkeit von ca. 100 m/s und zündete den Treibsatz der Rakete, nachdem diese bereits das Abschussrohr verlassen hatte. Das Geschoss flog mit der Startladung stabil, doch wenn dann zusätzlich die Gasenergie des Treibsatzes aus der Rakete ausströmte, trat eine starke Abweichung in der Flugbahn auf.

Munition ( 2. Ausführung)
Der Abbrand des Raketentreibsatzes musste schon im Rohr der Luftfaust erfolgen, um eine saubere Flugbahn zu erzielen. Man verzichtete daher bei der zweiten Raketenversion auf die Schwarzpulver Startkartusche und setzte statt dessen den elektrische Glühbrückenzünder unmittelbar hinter der Zentraldüse in den Leitwerkschaft ein. Obwohl sich dadurch die Flugeigenschaften der Rakete merklich verbesserten, war die Stabilisierung mit Leitwerkflächen noch nicht zufriedenstellend gewährleistet.

Munition ( 3. Ausführung)
Bei der endgültigen Version wurde ein neuer Weg eingeschlagen und die Rakete mittels Drall stabilisiert. Damit war eine einfachere Konstruktion der Treibsatzhülse gegeben, die zunächst durch eine Metallscheibe abgeschlossen wurde, die eine zentrale Düse und vier Dralldüsen aufwies. Da die Fertigung der Düsenscheibe aus Metall Schwierigkeiten bereitetet, ging man dazu über, sie aus Porzellan herzustellen.

Im März 1945 lief ein Auftrag über 10.000 Waffen mit 4 Millionen Schuß Munition an. Im Truppenversuch haben sich Ende April aber nur 80 dieser Waffen befunden.
Eine vergrößerte Ausführung war die »Fliegerfaust« mit sechs Rohren von 3-cm-Kaliber. Hier sollte das 3-cm-Minen-Geschoß der Flugzeugbordwaffe MK 108, das bei 0,33 kg Gewicht 75 g Sprengstoff trug, verschossen werden. Diese Waffe ist aber über das Versuchsstadium nicht hinausgekommen. Eine weitere geplante Waffe war der »Hand-Föhn«. Hier hatte man drei Rohre zu einem Bündel zusammengefaßt, daraus wurde die Raketen-Sprenggranate 4609 verschossen. Das war die verbesserte RZ 73, eine 330 mm lange drallstabilisierte Bordrakete von 73-mm-Kaliber, die bei der Luftwaffe entwickelt worden war. Sie wog 3,2 kg, trug 0,3 kg Sprengstoff und erreichte eine max. Geschwindigkeit von 360 m/Sek.
Eine weitere Entwicklung gegen Ende des Krieges war der Flak-Raketenwerfer »Föhn«. Diese Waffe nutzte 7,3-cm-Raketen-Sprenggranaten als Geschosse. Da diese Raketen zur damaligen Zeit aber eine enorme Streuung hatten, sollten mehrere Raketen gleichzeitig abgeschossen werden. So entstanden Ausführungen mit 3, 5, 7, 24, 28 und 35 Abschußschienen. Die bekanntesten Ausführungen waren:

die erste Ausführung des »Föhn« mit 35 Schienen für die 3,7-cm Raketen-Sprenggranate

die verbesserte Ausführung »Föhn 500« mit 28 Schienen für die 3,7-cm-Raketen-Sprenggranate

der »Föhn 55« mit 48 Schuß 5,5-cm-Raketen »Orkan«

der »Eisenbahn-Föhn«

der 7,3-cm Festungswerfer mit 28 Körben auf Fahrlafette

Mit den 15.000 Schuß, die bis Ende November 1944 im Truppenversuch verbraucht wurden, ist aber lediglich wohl nur ein Abschuß gelungen. Während des Dezembers gelangen dann zwei Abschüsse bei einem Verbrauch von fast 5.000 Schuß, das waren immer noch über 70 Werfersalven für einen Abschuß. Der größte Schwachpunkt der Waffe war die geringe Reichweite von nur 1.200 m.

Innerhalb des Entwicklungsprogramms für das Projekt »Planet«, mit dem neuartige Flak-Raketen erstellt werden sollten, gab es auch für das Heer ein Muster, das gegen Tiefflieger eingesetzt werden sollte. Im Gefechtskopf von 97 mm Durchmesser befanden sich sieben kleine Raketen mit aufgesetzten Minengranaten vom Kaliber 30 mm, wie sie bei der MK 108 der Luftwaffe Verwendung fanden. Beim Verschuß sollte das Raketenbündel nach kurzer Flugzeit nach dem Schrotschußprinzip ausgestoßen werden. Infolge der versetzten Düsen sollten dann diese Raketen für etwa 25 Sekunden auf kreisförmigen Bahnen mit einem Radius von etwa 100 m fliegen. Durch diese Flugbahnen wäre ein Würfel mit einer Kantenlänge von etwa 400 m so abgedeckt worden, daß ein anfliegendes Flugzeug mit hoher Wahrscheinlichkeit mit dem hochempfindlichen Aufschlagzünder eines dieser Geschosse in Berührung gekommen wäre. Zum Verschuß war ein Rohr vorgesehen, wie es bereits beim »Panzerschreck« verwendet wurde. Die gesamte Entwicklung »Planet«, die erst seit Mitte Januar 1945 beim Reichsforschungsamt lief, ist über zahlreiche Studien für Kleinraketen, für die verschiedenen Flugbahnen usw. nicht hinausgekommen.

Luftfaust mit Munition
Luftfaust mit Munition
Die Luftfaust. Rechts die Munition.
Die Luftfaust. Rechts die Munition.
Ein Soldat mit der Luftfaust.
Ein Soldat mit der Luftfaust.
Die Luftfaust + Beschreibung
Die Luftfaust + Beschreibung
Die Mündung der Luftfaust
Die Mündung der Luftfaust
Luftfaust Version A
Luftfaust Version A
Eine Luftfaust liegt in den Trümmern vor dem Hotel Adlon.
Eine Luftfaust liegt in den Trümmern vor dem Hotel Adlon.
Die Luftfaust in Transportbox mit vorgeladener Munition.
Die Luftfaust in Transportbox mit vorgeladener Munition.
Detaillierte Beschreibung der 2cm Luftfaust Muniton
Detaillierte Beschreibung der 2cm Luftfaust Muniton
Munition der Luftfaust ( Drallstabilisiert)
Munition der Luftfaust ( Drallstabilisiert)
Flak Raketenwerfersystem Föhn
Flak Raketenwerfersystem Föhn
Ein von den US-Truppen erbeuteter Föhn-Werfer
Ein von den US-Truppen erbeuteter Föhn-Werfer
Eins der verwendeten Geschosse des Föhn Systems mit der Bezeichnung Rauchzylinder 73
Eins der verwendeten Geschosse des Föhn Systems mit der Bezeichnung Rauchzylinder 73
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