Caen 1944 nach seiner " Befreiung"
Caen 1944 nach seiner “ Befreiung“

In Henning Schlüters Besprechung des Buches von Richard Holmes “ War Walks- From Agincourt to Normandy“ (F.A.Z. vom 4. Januar) lese ich: “ Doch beim Einrücken der Befreier standen die Überlebenden vor den rauchenden Trümmern und winkten den Engländern und Amerikanern freundlich zu“
Als Zeitzeuge bei Caen habe ich die Dinge jedoch anders in Erinnerung. Am 7. Juli 1944 lagen wir bei Venoix, einem Vorort von Caen, in einer Häusergruppe, ebenerdig, die sich auf einer kleinen Anhöhe befand.


Von dort konnte man Caen überschauen. Gegen 22 Uhr näherten sich Bombenflugzeuge, etwa 500 an der Zahl, mit entsprechenden Jagdschutz, in geringer Höhe. Nach Allierten Angaben warfen sie 2500 Tonnen Bomben ab.

Die Wirkung unter der Zivilbevölkerung war fürchterlich.

Die 8,8er Flak der Hitlerjugend- Division schoß einen Bomber ab, der sich nun mit seiner Bombenlast auf die von uns etwa 300 Meter entfernte Flak-Stellung stürzen wollte, diese aber verfehlte.
Nachdem dieser Bomber in der Luft brannte, sprangen die Zivilisten in unserer Nähe aus ihren Unterständen und klatschten frenetisch Beifall und riefen “ meurtrier“ ( Mörder)
Der Oberbürgermeister von Caen, Jean-Marie Girault, der als Kind diesen Bombenangriff erlebt hat, lud mich zur Veranstaltung am 6. Juni 1994 ein. Dieses Schauspiel, an dem alle Staatsoberhäupter der Allierten teilgenommen haben, unterschied sich krass von den am Morgen vorausgegangen Gedenkfeiern an den jeweiligen Landungsstränden, diese waren quasi Siegesfeiern. Jene Veranstaltunv nannte sich “ Im Namen der Menschheit“ und fand am Friedensmuseum in Caen statt. Es wurden keine Ansprachen gehalten, in Szene gesetzt war alles von Jean-Pascal Levy-Trumet, der bekannt geworden war durch die Winterolympiade von Albertville, die er auch ausgerichtet hatte im Rahmen seiner Darbietungen. Die Schlußszene war um die mitternächtliche Stunde; auf der Riesenbühe, einem Stahlgerüst, erscheinen weiße Grabkreuze, Stille, dann läuteten alle Glocken von Caen.

Auf den Zufahrtsstraßen zu jener Veranstaltung hingen gelbe Plakate an Häuserwänden. Sie hingen noch Wochen später, ohne das sie entfernt wurden, mit folgendem, übersetzten Text: “ In den Nächten vom 6. auf den 7. Juni und vom 7. Juli auf den 8. Juli 1944 bombardierten die Allierten Caen, zerstörten dabei ungefähr 90% der Wohngebäude der Stadt und töteten mehr als 2000 Einwohner. Diese Bombardements hatten keinerlei strategischen Nutzen. Vorbeigehender, gedenke all jener sinnlos gemordeten Märtyrer, Opfer der kriminellen Gewissenlosigkeit der Angloamerikaner“.

Im übrigen hing am Platz vor dem historischen Rathaus in Caen außer den Fahnen der ehemaligen Allierten die deutsche Flagge;
Als Deutscher wurde ich überall freundlichst begrüßt, was man von den Amerikanern, Kanadiern und Engländern gerade nicht sagen könnte.
So sah die Wirklichkeit aus.

Traugott Schmidt, Wetzlar.

Dies ist ein Leserbrief, der in einem meiner Bücher stand.

Kleine Information nebenbei:
Im Zweiten Weltkrieg verteidigten die deutschen Caen nach der Invasion der Normandie erbittert, allerdings war in der Stadt kein einziger deutscher Soldat, um die mittelalterliche, normannische Schönheit zu schützen. Die Schlacht um Caen fand außerhalb der Stadt statt. Als PR-Maßnahme im Rahmen der psychologischen Kriegführung entschied General Bernard Montgomery, die Stadt mit Bombenterror einzuebnen. Am 7. Juli 1944 um 21.50 Uhr begannen 467 alliierte Bomber die Stadt in Schutt und Asche zu legen. Viele Hunderte Zivilisten starben. Als die Alliierten die Ruinen durchsuchten, wurde keine einzige Leiche eines deutschen Soldaten gefunden, kein einziges Stück deutscher Militärausrüstung. Die Alliierten benötigten nur 40 Minuten um die Tausendjährige Stadt zu zerstören.

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