Die erste FW 61
Die erste FW 61

Neben zahlreichen kreativen Neuentwicklungen im Flugzeugbau haben deutsche Techniker und Ingenieure zwischen 1935 und 1945 rund 30 Hubschrauber entworfen.
Dabei wurden “ auf dem Gebiet der Drehflügeltechnologie“.. im Dritten Reich Innovationen hervorgebracht, welche teilweise erst in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts perfektioniert werden konnten.
Einige projektierte Ideen, an denen sich die deutschen Ingeniere versuchten, konnten sogar bis heute nicht vollständig realisiert werden. (1)

Schon Anfang des 20. Jahrhunderts wurden erste Versuche mit dem Drehflügel durchgeführt, allerdings wurde die Forschung wegen ausbleibender Erfolge dann lange Jahre nicht fortgesetzt.
In Deutschland wurde dann die Idee des Drehflüglers dann aufgegriffen, weil der Hubschrauber nicht unter die Knebelbedingungen des Versailler Diktats fiel, das Deutschland in den Artikeln 198 bis 202 auch in der Luftfahrt drastische Beschränkungen auferlegt hatte. “ Wieder einmal wurde dieser unrühmliche Friedensschluß zur Triebfeder deutschen Erfindergeistes. “ (1)

 

Die bekanntesten der damals gebauten und tatsächlich verwendeten Hubschraubermuster waren der Focke Wulf FW 61 ( später Focke-Achgelis FA 61) , der Focke-Achgelis FA 223 “ Drachen “ sowie der Flettner FI 282 “ Kolibri „, die nachfolgend in groben Zügen vorgestellt werden:
Der Konstrukteur Heinrich Focke stellte dem Reichsluftfahrtministerium 1934 ein freifliegendes, von einem Zweitaktmotor angetriebens Hubschraubermodell so erfolgreich vor, dass ihm am 9. Februar 1935 ein Entwicklungsauftrag für den Prototyp FW 61 erteilt wurde. Am 26. Juni 1936 absolvierte die Maschine, die wegen ihrer Technik und Flugfähigkeit als “ Erster praktisch verwendbarer und voll betriebsfähiger Hubschrauber“ (2 ) in die Geschichte einging, ihren Jungfernflug und stellte bereits im ersten Jahr eine ganze Reihe von Rekorden auf. Der Hubschrauber FW 61 bestand aus dem Rumpf eines offenen, einsitzigen Flugzeuges und hatte links und rechts neben dem Pilotensitz statt Tragflächen je ein Rohrgestell mit einem Rotor, der vom Sternmotor des Flugzeugrumpfes angetrieben wurde. (3)
Die Maschine war 7,29 Meter lang und 2,64Meter hoch, die Rotoren hatten einen Durchmesser von sieben Metern.

Als die Fliegerin Hanna Reitsch am 2. November 1937 auf dem Berliner Flugplatz Tempelhof den Hubschrauber der Öffentlichkeit vorstellte, erreichte sie eine Höhe von mehr als 2400 Metern und eine Geschwindigkeit von 122,6 Km/h. (4)
Der damals anwesende Charles Lindbergh, der 1927 erstmals den Atlantik ohne Zwischenlandung überflogen hatte, äußerte die Flugdemonstration sei “ eines der bezauberndsten Erlebnisse meines Fliegerlebens“ (5) gewesen.
Die Rotoren der Maschine besaßen neben der zyklischen Blattverstellung noch eine weitere innovative Technik, die auch bei modernsten Konstruktionen unverzichtbar ist: Im Falle einer kritischen Unterschreitung der Minimalrotation schalteten die Drehflügel automatisch auf Autorotation, wodurch eine sichere Landung dank gleichmäßigen Absinkens gewährleistet wurde. Mit dieser Technik versehen war die Fw 61 der erste Hubschrauber, welcher bei der Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt ( DVL) die Musterprüfung bestand und eine offizielle Zulassung erhielt. (6)

Der Fw 61 wurde von der Firma Focke- Achgelis zum Lastenhubschrauber Fa 223 “ Drachen “ weiterentwickelt, der “ noch Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg einen Vergleich mit modernen, ausländischen Konstruktionen gewachsen war. “
Dieses neue Modell, dessen Erstflug am 18. Juni 1940 stattfand, hatte zusätzlich zur zyklischen erstmals auch eine kollektive Blattverstellung und war damit der erste Hubschrauber, der bei konstanter Motordrehzahl mittels Verstellung der Rotorblätter seinen Auftrieb steuern konnte, wie es auch bei den heutigen Hubschraubern noch praktiziert wird.

Der Rumpf der Focke-Achgelis Fa 223 war eine geschweißte Stahlrohrkonstruktion, die im hinteren Bereich mit Stoff bespannt war. Am Heck befand sich ein konventionelles Leitwerk mit trimmbarem Höhenruder. Der vordere Bereich mit dem Cockpit und dem Motor war mit Blech verkleidet. Die Besatzung von 2 Mann war nebeneinander angeordnet, mit sehr guter Rundumsicht. In der Mitte, nahe dem Schwerpunkt, wurde die Motor-Getriebeeinheit montiert. Die beiden gegenläufig drehenden Rotoren wurden nebeneinander auf einer Gitterrohrkonstruktion in einem Abstand von 12,50 m befestigt.

Jeder Rotor besitzt 12 m Durchmesser. Aufbau der Rotorblätter aus Stahlrohrholm, Holzrippen, verdrehsteifer Sperrholznase und stoffbespanntem Hinterteil; gelenkig mit Reibungsdämpfer gelagert. Umschaltautomatik wie bei der Fa 61 als Zentrifugalregler.

Der “ Drachen “ konnte maximal 1,25 Tonnen heben und bewies bei der Truppenerprobung, “ dass zwei FA 223 beim Einsatz im Gebirge z.b. ein ganzes Trägerbataillon von 500 Mann ersetzen würden. “
Denn bei den deutschen Gebirgsjägern erfolgten zum Test Landungen auf unvorbereiteten Plätzen bis auf 2.300 m Höhe und der Transport von Geschützen, Lafetten und Munition am Lastenseil. Ferner wurden Verwundetentransporte und die Versorgung der Gebirgsjäger mit heißer Verpflegung im Lastennetz durchgeführt.

Damit waren Einsatzgrundsätze festgelegt worden, die später in vielen Kriegen von Korea bis zum heutigen Tage angewendet wurden. (7)
Eine weitere Neuerung war der Einsatz des Hubschraubers für die Rettungsfliegerei: Für den Einsatz auf offener See wurde ein Rettungskorb konstruiert, der mittels einer elektrischen Seilwinde Menschen bergen konnte, wie es heute jedem Rettungshubschrauber möglich ist.
Die ausgezeichnete Konstruktion des Fa 223 führte dazu, dass die Maschine nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankreich unter der Typennummer SE: 3000 und in der Tschechoslowakei unter der Nummer VR-1 weiter gebaut wurden.
Außerden basierte der größte Hubschrauber der Welt, die sowjetische Maschine Mil Mi-12 auf dem Fa 223, und auch der in den 1970er Jahren produzierte amerkanische Hubschrauber CH-54 B orientierte sich eng am Baumuster der Fa 223. (8)

Der Flettner FI 282 “ Kolibri“ der seinen Erstflug am 30. Oktober 1941 absolvierte, war der erste in Serie gebaute Hubschrauber und wartete mit einer innovativen Lösung auf: Seine zwei sich kämmenden, gegenläufigen Rotoren machten den bisher zum Drehmomentausgleich erforderlichen Heckrotor überflüssig. Dieses Prinzip wurde bis in die 1960er Jahre verwendet, etwa beim amerikanischen Mehrzweckhubschrauber Kaman H-43 Huskie. (9)
Der FI 282 wurde vor allem bei der Kriegsmarine für Einsätze in der Ägäis und in der Ostsee erfolgreich eingesetzt und bewies seine Leistungsfähigkeit für die Seenotrettung, dem Lastentransport und der U-Bootjagd. Als der kleine Hubschrauber im Januar 1943 Adolf Hitler vorgeführt wurde, hielt dieser ihn für sehr förderungswürdig, stellte sich aber dessen Einsatz vor allem für die Artilleriebeobachtung und im Verbund mit Panzerverbänden als Beobachter und leichte Angriffsmaschine vor.
Der FI 282 gilt heute noch in Fachkreisen als der fortschrittlichste, noch zur Baureife gelangte Hubschrauber des Zweiten Weltkrieges. Seine Schlechtwettereigenschaften waren phänomenal, und er besaß sogar einen Wetterschutz für den Piloten.
Die generellen Flugeigenschaften waren derart stabil, dass sich die FI 282 ab 60Km/h freihändig fliegen ließ. Ab 1944 sollte der Serienbau von 1.000 Fi 282 in den Werken von BMW in München und Eisenach erfolgen, allerdings verhinderten auch dort Bombardierungen der Allierten die Auslieferung einer Großserie. (10)

Allein diese wenigen Beispiele zeigen deutlich, dass in jener Zeit sehr leistungsfähige Hubschrauber produziert wurden. (11)

Fußnoten:
1.) Henco, Guido-Gordon: Die phantastischen Erfindungen im Dritten Reich, Zivile und militärische Innovationen, Wöfersheim-Berstadt 2004, S..82
2.)Ebd. S. 84
3.)Peters, Ludwig. Volkslexikon Drittes Reich: Die Jahre 1933-1945 in Wort und Bild, Tübingen, 1994
4.)Vgl. Ebd. S202
5.)Zit. bei Overesch/Saal, S.398
6.)Henco, Guido-Gordon: Die phantastischen Erfindungen im Dritten Reich, Zivile und militärische Innovationen, Wöfersheim-Berstadt 2004. S.85
7.)Ebd. S. 86
8.)Vgl. Ebd. S. 86f
9.)Henco, Guido-Gordon: Die phantastischen Erfindungen im Dritten Reich, Zivile und militärische Innovationen, Wöfersheim-Berstadt 2004. S. 87
10.) Ebd. S. 89
11.) Für weitere Details vgl. Henco, Guido-Gordon: Die phantastischen Erfindungen im Dritten Reich, Zivile und militärische Innovationen, Wöfersheim-Berstadt 2004. S.81-93 sowie Rudolf Lusar, Die deutschen Waffen und Geheimwaffen des 2. Weltkrieges und ihre Weiterentwicklung. Reprint nach der 2. Auflage. Engen, 1991

Hanna Reitsch mit dem Hubschrauber FW61 in der Deutschlandhalle
Hanna Reitsch mit dem Hubschrauber FW61 in der Deutschlandhalle
Im Jahre 1938 findet in der Deutschlandhalle zu Berlin mit der Focke-Wulf Fw 61 der erste Hallenflug der Welt statt.
Im Jahre 1938 findet in der Deutschlandhalle zu Berlin mit der Focke-Wulf Fw 61 der erste Hallenflug der Welt statt.
In Nürnberg wird 1938 die Flugtauglichkeit des Hubschraubers auf dem Reichsparteitag demonstriert
In Nürnberg wird 1938 die Flugtauglichkeit des Hubschraubers auf dem Reichsparteitag demonstriert
Focke-Achgelis Fa 223 'Drachen'
Focke-Achgelis Fa 223 ‚Drachen‘
Mechaniker bei Warthungsarbeiten an einer FA 223
Mechaniker bei Warthungsarbeiten an einer FA 223
Cockpit einer FA 223
Cockpit einer FA 223
Flettner Fl 282 ` Kolibri `
Flettner Fl 282 ` Kolibri `
Flettner Fl 282 ` Kolibri `
Flettner Fl 282 ` Kolibri `
Flettner Fl 282 beim Testlanden auf einem Schiff
Flettner Fl 282 beim Testlanden auf einem Schiff

 

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