Russische Feststoffrakete BM-8 ( Links) und ihr vom Heerewaffenamt sabotierter Abkömmling " 8 cm RSpgrVA" ( Rechts). Die Änderungen sind besonders im Schwanzbereich und Triebwerk sowie am Sprengstoff erkennbar
Russische Feststoffrakete BM-8 ( Links) und ihr vom Heerewaffenamt sabotierter Abkömmling “ 8 cm RSpgrVA“ ( Rechts). Die Änderungen sind besonders im Schwanzbereich und Triebwerk sowie am Sprengstoff erkennbar

Im Frühjahr 1945 warteten Hunderte von einsatzbereiten deutschen Schlachtflugzeugen an der Ostfront auf Panzerabwehrraketen, die nie ausgeliefert wurden. Dabei war die zugrunde liegende Rakete schon seit 1942 frontverwendungsfähig! (1)

Der Ingenier Rolf Engel hatte während der Kriegszeit für die SS an der Versuchsanstalf für Strahltriebwerke (VA) Großendorf gearbeitet. Beeindruckt durch die Einführung der sowjetischen “ Stalinorgel“ Raketenwerfer wie BM-13 und BM-8 im Jahre 1941, hatte der Chef des SS-Waffenamtes Gärtner den Auftrag erteilt, “ Stalinorgeln “ intakt zu erbeuten.

Der Auftrag Gärtners sollte sich als recht schwierig herausstellen. Die Sowjets hatten nämlich die “ Stalinorgel“ zur Geheimwaffe erklärt, die anfänglich nur durch Geheimdiensttruppen des NKWD bedient werden durften. Auch später hatte jede Raketenwerferbatterie eigene NKWD-Aufpasser. Sie sollten dafür sorgen, dass keine Raketenwerfer unzerstört in deutsche Hände fielen.

So kam es, dass, obwohl die “ Stalinorgel “ schon seit Juli 1941 im Einsatz stand, es erst eines Kommandotrupps der SS bedurfte, um am Ilmensee ein derartiges Gerät samt Munition in deutsche Hände zu bekommen.

Die Beutewaffe wurde von der SS dem Heerewaffenamt zwecks Auswertung und waffentechnischer Begutachtung übergeben. Später entschied die Munitionskommission, die Weitererprobung auf dem Schießplatz der VA Gossendorf vorzunehmen. Schließlich gelang es, beide Versionen der BM-13 und BM-8 zu testen. Für deutsche Zwecke schien aber die kleinere, von den Russen später eingeführte BM-8 geeigneter.

Das deutsche Heer hatte schon seit 1941 beim Beginn von Unternehmen Barbarossa eigene 15cm Raketenwerfer, genannt “ Wurfgranaten“, im Einsatz.

Ingenieur Engel entwickelte nun auf der Grundlage der sowjetischen Raketen eine neue Waffe mit Flächenstabilisierung statt Drallstabilisierung. Engels Begründung lautete, dass ein kleineres Kaliber notwendig war, das eine Salvenanzahl ermöglichte, mit der sich eine vorgegebene Zielfläche völlig abdecken ließ. Das kleine 8cm Kaliber garantierte zudem die schnelle Beweglichkeit des gesamten Gerätes. Die Entwicklung erhielt den Namen “ Feststoffrakete 8 cm RSpgrVA“.

Die Entwicklung ging relativ schnell vor sich. Die russische Rakete wurde für deutsche Zwecke weiterentwickelt. Die Einfachheit und Leichtigkeit der Produktion wurden beibehalten. Modifiziert hatte man den Befestigungswinkel der Raketenflügel an der Zelle auf solche Weise, dass die Rakete beim Start eine Drehwirkung erhielt. Im Gegensatz zur sowjetischen “ Katjuscha “ BM bekamen die deutschen Nachbauten so eine bessere Schießgenauigkeit. Wegen des typischen Abschussgeräusches bekam die Waffe schnell den Spitznamen “ Himmler-Orgel „, ähnlich dem sowjetischen Spitznamen “ Stalin-Orgel“.

Schon im Frühjahr 1942 stand der SS ein Raketenwerfer mit 8 cm Feststoffraketen zur Verfügung, der je Salve 48 Raketen verschoss, eine Reichweite zwischen 6 und 8 km aufwies und einen Trefferradius von 200m lieferte.

Unabhängig vom Heer übernahmen die Waffenwerke in Brünn die Produktion von Raketenwerfern und konnten zuerst 13 Exemplare für die SS-Zielwerfer Batterien 521 und 522 herstellen. Da das Heerewaffenamt mauerte, rüstete die SS sechs französische Schützenpanzer Somua S303 (f) als Raketenwerfer-Selbstfahrletten um. Sie kamen ab 1944 an die Front. (2)

Das Heer weigerte sich weiter, die Entwicklung der SS zu übernehmen, obwohl der SS- Werfer außerordentlich gute Frontbeurteilungen einheimsen konnte. Wie bei der Ablehnung anderer ausländischer Waffen als Nachbau im Reich erklärte das Heereswaffenamt als Begründung die sowjetische Entwicklung für “ veraltet „.

In Kummersdorf bei Berlin hatte aber schon 1942 ein Vergleichsschießen zwischen den konventionellen Wurfgranaten und der 8cm SS-Flügelrakete stattgefunden. Dieses ging zugunsten der Flügelrakete aus, die sich als “ eindeutig überlegen “ gezeigt hatte. Von “ veraltet “ konnte nun niemand mehr sprechen.

Trotz des positiv ausgegangen Vergleichschießéns zögerte das Heereswaffenamt mit vorgeschobenen Argumenten jahrelang eine Großserien-Fertigung des 8 cm Salvenwerfers hinaus. General Hugo Beisswänger, Vertreter von General Olbricht, betonte, dass ein Nebeneinander beider Raketenwerfertypen nicht in Frage komme. Die Forderung von SS- Brigadeführer Gärtner, wenigstens für weitere Großversuche monatlich 40.000 Stück Flügelraketen zur Verfügung zu stellen, wurde von einem Vertreter der Organisationsabteilung des Generalstabes des Heeres unter mehreren Vorwänden erneut abgelehnt.

Der Streit zwischen Heereswaffenamt und SS ging so weit, dass Reichsminister Speer die Angelegenheit am 5. März 1944 bei einer Besprechung mit Hitler zur Sprache brachte. Speer betonte, dass “ trotz der zwar von zahlreichen Stellen noch angezweifelten, aber vorrausichtlich doch vorhandenen praktischen Überlegenheit der 8cm SS Werfer über die 15cm und 21cm Heereswerfer Schwierigkeiten bei der Fertigung (Umstellung), Masseneinsatz, Arbeitskraft usw. bestünden. Deshalb sei ein größerer Truppenversuch notwendig. Auch ihn verzögerten die zuständigen Heeren beim Heereswaffenamt.

Noch im Dezember 1944 fand SS-Brigadeführer Gärtner es “ unerklärlich „, dass diese Munition noch nicht im Truppeneinsatz ist…
Solange die großkalibrige Raketenmunition noch nicht treffsicher verschossen werden könne, sei deren Masseneinsatz Materialvergeudung. Außerdem wäre sie für Salvengeschütze zu groß und zu schwer, sie senke die Feuergeschwindigkeit und beanspruche die Kanoniere über Gebühr. In einem Kampfstoff-Schießen ( z.B. Nervengase-Anm. F.G.) konzentrierte das große Kaliber den Kampfstoff ( vor allem den flüssigen) an der Einschlagstelle. Kleinere Kaliber erzielten eine bessere flächenmäßige Verteilung.

Dies war ein Grund mehr für die Saboteure, die Produktion der 8 cm Rakete weiter zu behindern. Ingenieur Engel hatte sich aus Verzweiflung wegen des Intrigenspiels des Heereswaffenamtes, das die vorgesehene Groß-Serienfertigung immer wieder hinauszögerte, schon vorher an Feldmarschall Erwin Rommel persönlich gewandt und diesen von seinem Werfer überzeugt. Rommel soll durch sein persönliches Eingreifen den monatlichen Ausstoß von 200.000 Flügelraketen gefordert haben. Fertig geworden ist, so Engels, nur etwa die Hälfte.

Als 8cm Raketen Vielfachwerfer kamen sie ab 1944 bei den SS-Vielwerferbatterien 521 und 522 zum Eisnatz. Als Startfahrzeuge dienten nun Versionen des gepanzerten Opel “ Maultier „.

So verhinderten undurchsichtige Machenschaften, dass Deutschlands Raketenwerferabteilungen im Osten dieselbe Wirksamkeit erreichen konnten wie ihre mit “ Stalinorgeln “ ausgerüsteten sowjetischen Gegner.

Bei Breslau und in Pommern konnten die 8 cm Raketenwerfer 1945 noch in den Verteidigungsschlachten von sich reden machen.

Ungeachtet aller Intrigen und sabotageartigen Behinderungen wurde die flächenstabilisierte 8 cm Rakete der VA Großendorf für zahlreiche andere Anwendungsgebiete verwendet: als festes Abwehrgeschütz, Leuchtrakete für Panzerverbände sowie- mit einer Hohlladung- als Nutzlast von Flugzeugen aus gegen Panzer.

Diese “ Panzerblitz “ genannte Waffe habe, so Engel, gegen Kriegsende im Osten noch große Abschusserfolge erzielt. Hier lohnt sich ein genauer Blick.

Die Russen hatten schon seit Anfang des Ostfeldzuges versucht, mit ungelenkten Flugzeugraketen der Typen RS-82 und RS-132 auf Panzerjagd zu gehen, während die Westallierten mit Bazookas und ungelenkten RP-Projektillen ab der Normandie-Invasion verbreitet deutsche Panzer angriffen. Die tatsächlichen Erfolge gegen Panzer hielten sich jedoch, vom psychologischen Aspekt abgesehen, bei Russen und Westallierten in engen Grenzen.

Ab Dezember 1944 zog die Luftwaffe nach. Nach ersten Versuchen mit “ Panzerschreck “ Rohren kam mit der “ Panzerblitz 1″ eine aus der 8cm Rakete der VA entwickelte Luft-Bodenrakete zur Panzerjagd in Gebrauch. (2)

Im Unterschied zu den allierten Projektillen, die sich auf reine Sprengwirkung verlassen musste, verwendete Engels “ Panzerblitz “ einen absolut tödlichen Hohlladungsgefechtskopf.

Tatsächlich war die große Zahl von sowjetischen und später auch westallierten Panzer eines der Kernprobleme der Wehrmacht. Die Einführung von besonderen Schlachtflugzeugen wie der HS-129 B3 und der JU-87G mit schwerer Kanonenbewaffnung konnte das Problem angesichts der allierten Luftüberlegenheit nicht lösen.

So ging es darum, die zahlreich vorhandenen Schlachtflugzeuge der Typen FW-190 F-8 und F-9 zur Panzerbekämpfung unzurüsten. Dies war durch die Bestückung mit den neuen panzerbrechenden Raketen möglich.

Ende Dezember 1944 kamen die ersten “ Panzerblitz “ ( PB)-Raketen zum Fronteinsatz in Ost und West. Ab Januar 1945 sollte das Schwergewicht der Panzerblitzeinsätze jedoch schnell in Richtung Osten umschwenken.

Nachdem die ersten Einsätze Erfolg versprechend ausgesehen hatten, wurden schnell viele weitere Schlachtfliegerstaffeln auf “ Panzerblitz “ Raketen umgerüstet. Auch für die Ausbildung der Besatzungen stand genügend Kraftstoff zur Verfügung.

Dies zeigt, wie wichtig die “ Panzerblitz “ Raketen für die Luftwaffe waren. Haupttrainingszentrum war Gardelegen. Noch im April 1945 waren über 310 Flugzeuge der Luftwaffe für Panzerblitz- und Panzerschreckeinsätze vorbereitet.

Im wesentlichen waren es aber nur drei Staffeln, die 8./ SG-1, die 6./ SG-3 und die 5./ SG-77, die zum Raketeneinsatz kamen!
Selten waren mehr als 18 Flugzeuge gleichzeitig im Einsatz.

Am 22. März 1945 gelang es den Piloten von nur 11 FW 190 F-8, insgesamt 17 sowjetische Panzer und sonstige Fahrzeuge mit “ Panzerblitz “ Raketen zu vernichten, gleichzeitig glückte auch der Abschuss von zwei sowjetischen Flugzeugen. Einsätze wie dieser waren jedoch selten, und obwohl die “ Panzerblitz “ Einsätze in den letzten Kämpfen über Berlin und Mähren ( Tschechoslowakei) stattfanden, wurden nur wenige Raketen noch an die Truppe ausgeliefert.

Dabei waren über 100.000 „Panzerblitz “ Raketen fertig. Sie gelangten angeblich jedoch wegen “ zerstörter “ Verkehrsverbindungen nicht zu den dringend auf die neue Waffe wartenden Schlachtfliegern. Viele der bereits umgerüsteten FW-190 mussten dehalb die bereits montierten Raketen-Abschussgerüste unter den Tragflächen wieder entfernen. Trotzdem wurden noch Ende März 1945 weitere Staffeln auf “ Panzerblitz “ Raketen umgeschult.

Es ist nie bekannt geworden, dass die Verantwortlichen für die Nichtauslieferung der fertigen “ Panzerblitz “ Raketen an die Fronteinheiten tatsächlich jemals zur Verantwortung gezogen worden wären.

Tatsächlich stellt eine Eintragung im Kriegstagebuch des Chefs der Luftwaffenrüstung für April 1945 fest, dass Material für 50.000 weitere “ Panzerblitz “ Raketen vorhanden, es aber nicht mehr sichergestellt gewesen sei, dass die fertigen Projektile auch rechtzeitig bei den Verbänden eintreffen würden.

Auch wenn diese Angaben für den Monat April 1945, als die Fronten schnell zusammenbrachen, durchaus verständlich erscheinen, gilt dies nicht für die Monate Dezember 1944 bis März 1945. Die nur wenig Platz und Gewicht beanspruchenden kleinen “ Panzerblitz “ Raketen wären schnell unter den Fronteinheiten verteilt gewesen, wenn man es gewollt hätte. Selbst die überall vorkommenden VW Kübelwagen hätten dafür gereicht.!

So blieb den sowjetischen Panzerbesatzungen im Jahre 1945 ein möglicher Masseneinsatz von deutschen Panzerabwehrraketen erspart.

Die deutschen Entwicklungen “ Panzerblitz 1″ und ihre Nachfolger “ Panzerblitz 2″ und “ Panzerblitz 3 “ waren allierten Luft-Bodenraketen zur Panzerabwehr wie den RS-Typen der Sowjets und den RP-Projektilen der Engländer deutlich überlegen.

Immerhin hatte es Deutschlands Waffenindustrie geschafft, binnen weniger Monate und unter erschwerten Bedingungen etwa die Hälfte der Stückzahl an Raketen zur Panzerabwehr zu produzieren, wie die englischen Jagdbomber im Masseneinsatz gegen deutsche Ziele 1944/1945 eingesetzt hatten.

Allein an einem Tag im März 1945 hatten wenige deutsche Flugzeuge bei einem einzigen Einsatz von Panzerabwehrraketen aus der Luft fast halb so viele gegnerische Panzerkampfwagen zerstört wie die gesamten westallierten Jabo-Raketen während des ganzen Feldzuges 1944/1945.

Tatsächlich haben Nachkriegsauswertungen ergeben, dass die angeblich so erfolgreichen anglo-amerikanischen Luft-Panzerabwehrraketen aus der Luft mehr moralische als tatsächliche Wirkung gegen Kampfpanzerwagen hatten und hauptsächlich nur gegen weiche Ziele wie LKW oder Eisenbahnzüge tödlich waren. (3)

Wieder wurde der schwer kämpfenden deutschen Front eine hoffnungsvolle Waffe vorenthalten. (4)

Fußnoten:

1.) Günter Nagel, Himmlers Waffenforscher, Physiker, Chemiker, Mathematiker und Techniker im Dienste der SS. Helios, Aachen 2011, S. 200-204
2.)W.N. Schunkow, Artillerie der Roten Armee und Wehrmacht des Zweiten Weltkrieges, AST, Moskau-Minsk 2005, S.198 ff.
3.) Manfred Griehl, Fokke-Wulff FW-190/Ta 152, Motorbuch, Stuttgart 1995
4.)Alex Vanags- Baginskis, Agressors, Bd.1: Tank Buster vs Combat Vehicle, Zokeisha, Tokio-New York, 1990, S.64-68

8cm SS Vielfachraketenwerfer "Himmler Orgel" auf Französischem Beute Halbkettenfahrzeug
8cm SS Vielfachraketenwerfer „Himmler Orgel“ auf Französischem Beute Halbkettenfahrzeug
8cm SS Vielfachwerfer gehen in Stellung
8cm SS Vielfachwerfer gehen in Stellung
8cm SS Vielfach Werfer feuert seine Raketen ab
8cm SS Vielfach Werfer feuert seine Raketen ab
Panzerblitz- Schienen unter einer FW 190
Panzerblitz- Schienen unter einer FW 190
Panzerblitz Rakete Querschnit
Panzerblitz Rakete Querschnit
Panzerblitz Raketen in einem Museum
Panzerblitz Raketen in einem Museum
Panzerblitz Heckleitwert
Panzerblitz Heckleitwert
Advertisements