Antiqua schrift Garamond
Antiqua schrift Garamond

Seit 1941 wird im deutschsprachigen Raum allgemein die Antiqua-Schrift verwendet, die auch als lateinische Schrift bezeichnet wird.
Bei der Antiqua handelt es sich um eine Sammelbezeichnung aller “ aus der humanistischen Minuskel entstandenen runden Schriftarten in ihrer gedruckten und handschriftlichen Form“:

Das Gegenstück der Antiqua ist die deutsche Schrift, auch Fraktur genannt, die heute kaum noch verwendet wird., nicht zuletzt weil sie heutzutage mit Begriffen wie “ deutsch-national“, “ konservativ“ oder “ traditionell „verbunden ist. Die Fraktur umfasst alle Schriftarten, bei denen die in der Antiqua verwendeten runden Formen eckig gebrochen sind. Die eigentliche Frakturschrift wurde im 15. Jahrhundert entwickelt und in den folgenden Jahrhunderten in verschiedenen Formen abgewandelt. Verwandte gebrochene Frakturschriften sind zum Beispiel die Schriftarten Textura, Gotisch und Schwabacher. Etwa seit dem 16. Jahrhundert wurden die lateinische Schrift ( primär für ausländische oder wissenschaftliche Texte) und die Frakturschrift ( primär für deutschsprachiges Schrifttum) nebeneinander verwendet. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts entbrannte der Schriftstreit, bei dem die Anhänger der beiden Schriftarten jeweils die Dominanz “ ihrer “ Schrift durchsetzen wollten. Diese Zweischriftigkeit setzte sich auch nach der Regierungsübernahme der Nationalsozialisten fort, obwohl ab 1932 ein deutlicher Aufschwung der gebrochenen Schriften zu verzeichnen war. Bis 1936 stieg der Anteil von in Fraktur gedruckten Büchern von rund 44 auf etwa 60 Prozent an, und im übrigen erfuhren die gebrochenen Schriften auf den verschiedensten Gebieten eine starke Förderung. “ Die Schriftgießereien versuchten sich diesem Zeitgeist anzupassen, indem sie runenähnliche Varianten der Fraktur entwarfen und mit Namen wie “ Tannenberg“, “ Potsdam“ und “ National “ belegten. Auch in der nationalsozialistischen Führung herrschten in der Schriftfrage unterschiedliche Präferenzen. Der Frakturbefürworter und Reichsminister des Inneren Dr. Wilhelm Frick erklärte am 9. Mai 1933 anläßlich einer Konferenz mit dem Kultusministern der Länder: “ Die deutsche Schrift darf ihren unbedingten Vorrang vor der lateinischen niemals verlieren“. Noch im Jahre 1940, als die ablehnende Haltung Hitlers zur Frakturschrift immer deutlicher wurde, ließ Reichsminister Dr. Frick dem 1918 gegründeten “ Bund für deutsche Schrift “ einen Finanzzuschuß aus seinen Haushaltsmitteln überweisen.

Andererseits war er flexibel genug, sich den Wünschen Hitlers anzupassen:
Obwohl er ursprünglich für sein Resort die Einführung von Schreibmaschinen mit Frakturbuchstaben angeordnet hatte, revidierte er diesen Beschluß bereits im September 1934. Aufgrund einschlägiger Untersuchungsergebnisse des Aktenmaterials de Reichsinnenministeriums aus den Jahren 1935 bis 1939 kann man davon ausgehen, dass man für den Schriftverkehr generell Antiqua- Schreibmaschinen verwendete, beim Druck dagegen Frakturtypen einsetzte. Diese Praxis galt analog im Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, da auch Reichsminister Bernhard Rust aus deutsch-völkischen Gründen fir Frakturschrift befürwortete und unterstützte, für die auch Bezeichnungen wie “ deutsche Schriftzeichen“ , “ deutsche Schreibmaschinenschrift“, “ deutsche Schreibmaschinentype“, „Brachschrift „, “ gotische Schrift “ , “ gotische Lettern“, “ Frakturtype “ verwendet wurden.

Mit Erlaß vom 16. Juli 1934 verbot Rust ab Ostern 1935 die Verwendung der Antiqua-Schrift und ordnete die obligatorische Verwendung der deutschen Schrift in den Volksschulen an.

Reichsminister Dr. Goebbels dagegen erwies sich einmal mehr als Pragmatiker, der bis 1939 keine Veranlassung sah, sich vertieft mit der Schriftstreitfrage zu befassen. Aufgrund seiner kultur-politischen Ansichten war er nicht wie Dr. Frick und Rust ein Vertreter der “ völkischen Altmoderne “ sondern der “ nationalen Moderne „. In den Anfangsjahren des Dritten Reiches trat er noch öffentlich für die künstlerische Avantgarde ein und ließ sich expressionistische Aquarelle des Malers Emil Nolde in seine Dienstwohnung hängen.
Nach der “ Führerentscheidung „über das Verbot der Frakturschrift zeigte Dr. Goebbels sich denn auch erfreut, wie die Eintragung in seinem Tagebuch vom 2. Februar 1941 bezeugt: “ Der Führer ordnet nun an, dass die Antiqua künftig nur noch als deutsche Schrift gewertet wird. Sehr gut. Dann brauchen die Kinder wenigstens keine 8 Alphabete mehr zu lernen. Und unsere Sprache kann wirklich Weltsprache werden.“

Welchem Lager Adolf Hitler in der Schriftstreitfrage zuzurechnen war, deutet eine Aussage an, die Henriette von Schirach, die geschiedene Ehefrau des Reichsjugendführers und Gauleiters von Wien, Baldur von Schirach, nach dem Zweiten Weltkrieg machte:
“ Hitler haßte die Schwabacher Letter. Der Kopf vom völkischen Beobachter hat er selbst in großen römischen Versalien entworfen.“

Dafür, dass Hitler ein entschiedener Befürworter der Antiqua-Schrift war, gibt es weitere handfeste Belege: Der Präsident des Werberates der deutschen Wirtschaft schrieb am 23. November 1934 an den Reichsinnenminister, dass Hitler bei einer Besprechung für die Brüsseler Ausstellungspläne entschieden habe, “ dass nicht die gotische Schrift, sondern Antiqua zur Beschriftung zu verwenden sei.“
Diese Forderung wiederholte Hitler anscheinend auch im Zusammenhang mit der Durchführung der Olympischen Spiele von 1936 in Berlin.
Das Hitler trotz seiner eindeutigen Präferenz für die Antiqua- und seiner Aversion gegen die Frakturschrift die Zweischriftigkeit in seinem Staat lange Jahre zuließ, ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass er dieser Frage in den ersten Jahren seiner Regierung nur nachgeordnete Bedeutung beimaß.

Anfang 1941 setzte Hitler durch “ Führerentscheidung “ dann jedoch abrupt einen Schlusspunkt unter die andauernde Schriftdebatte in Deutschland. In einem nicht zu Veröffentlichung bestimmten Rundschreiben vom 3. Januar 1941 teilte der Stabsleiter von Rudolf Heß und spätere Reichsminister Martin Bormann einen handverlesenen Adressatenkreis der nationalsozialistischen Führungsebene mit, dass Hitler “ in einer Besprechung mit Herrn Reichsleiter Amann und Herrn Buchdruckereibesitzer Adolf Müller“ faktisch das Verbot der Frakturschrift entschiedene habe. Er gab dafür die folgende, sachlich unhaltbare Begründung:
“ Die sogenannte gotische Schrift als eine deutsche Schrift anzusehen oder zu bezeichnen ist falsch. In Wirklichkeit besteht die sogenannte gotische Schrift aus Schwabacher Judenlettern. Genau wie sie sich später in den Besitz der Zeitungen setzten, setzten sich die in Deutschland ansässigen Juden bei Einführung des Buchdruckes in den Besitz der Buchdruckereien, und dadurch kam es in Deutschland zu der starken Einführung der Schwabacher Judenlettern.“

Der Religionswissenschaftler und damalige stellvertretende Schriftleiter des von Reichsminister Alfred Rosenberg herausgegebenen kulturpolitischen Zentralorgans Nationalsozialistische Monatshefte, Dr. Eberhard Achterberg, wies in einem Gutachten vom 12. Februar 1942 unmißverständlich darauf hin, dass es keinerlei Beweise für einen jüdischen Ursprung der Schwabacher Lettern gab. Er argumentierte im Gegenteil, dass die Antiqua-Schrift hauptsächlich von jüdischen und “ politisch gegnerischen “ Verlagen verwendet wurde.

Bormann führte im oben genannten Schreiben weiter aus, dass sukzessive eine Umstellung sämtlicher Druckerzeignisse auf die Antiqua-Schrift ( künftig als Normal-Schrift zu bezeichnen sei) vorgesehen sei. Die Verwendung der “ Schwabacher Judenlettern“ sei im Schriftverkehr der Behörden zukünftig verbogen. Reichsleiter Max Amann sei beauftragt, in einem ersten Schritt die für das Ausland vorgesehenen Zeitungen auf die Normal-Schrift umzustellen.

Den obersten Reichsbehörden tielte der Chef der Reichskanzlei Dr. Heinrich Lammers diese Führerentscheidung sowie die sich darauf ergebenden Konsequenzen mit Rundschreiben vom 13. Januar 1941 mit.

Es gab allerdings auch deutliche Kritik an dieser “ Führerentscheidung „selbst von amtlichen Stellen. Zum Beispiel kritisierte das Amt für Schritfttumspflege am 4. März 1941 unumwunden: “ Mitten im Kriege mit seiner ungeheuren Rohstoffbeanspruchung leisten wir uns den kostspieligen Luxus einer Umstellung aller Druckereien auf neue Typen!“

Auf jeden Fall bewirkte die “ Führerentscheidung „, dass nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland nahezu das gesamte Schrifttum in Antiqua-Schrift gedruckt wurde und die Fraktur-Schrift aus dem öffentlichen Leben verschwand und lediglich in Büchereien, Archiven, Universitäten etc. ein Schattendasein fristete.

Am 1. September 1941 ereilte dann auch die “ deutschen “ Handschriften Sütterlin und Kurrent das gleiche Schicksal, indem ein Erlaß bestimmte, dass ab sofort an den Schulen nur noch die lateinische Handschrift zu lehren sei.

An diesem Schicksal änderten auch die intensiven Bemühungen der Frakturbefürworter des 1951 neugegründeten “ Bundes für deutsche Schrift “ nichts, welche die herausragende Bedeutung der gebrochenen Schrift als ein europäisches Kulturgut ersten Ranges hervorhoben, die bis heute andauernden Bemühungen, seit 1989 unter dem Namen “ Bund für deutsche Schrift und Sprache e.V. „, blieben im wesentlichen erfolglos. “ Die weit verbreitete Vorstellung einer engen Verbindung zwischen nationalen und später nationalsozialistischem Gedankengut mit der gebrochenen Schrift dürfte hierzu nicht unmaßgeblich beigetragen haben und lässt vermuten, dass der Gebrauch der Fraktur auch in Zukunft auf wenige Anlässe beschränkt bleiben wird. Die weitere Entwicklung wird zeigen, ob die neugeschaffenen Möglichkeiten der Digitalisierung, die die gebrochene Schrift für weite Kreise verfügbar machen, eine “ Posthistorie der Fraktur “ herbeiführen werden. “

Frakturschrift
Frakturschrift
Frakturschrift Schwabacher
Frakturschrift Schwabacher
Frakturschrift Gotik
Frakturschrift Gotik
Advertisements