Carl Bosch, Leiter der IG-Farben ab 1925
Carl Bosch, Leiter der IG-Farben ab 1925

Im März 1949 beklagte kein Geringerer als Konrad Adenauer den Patentraub auf einer Konferenz der Interparlamentarischen Union in Bern. Die Beschlagnahme der IG Farben- Patente habe, so der erste deutsche Bundeskanzler unter Berufung auf einen amerikanischen Sachverständigen, der US-Chemie einen Vorsprung von mindestens zehn Jahren verschafft. Was war geschehen?

Schon im Spätsommer 1944 hatte der amerikanische Generalstaatsanwalt Francis Biddle vor einem Senatskomitee verlangt, den deutschen Chemie- Multi IG Farben zu zerschlagen. Als Rechtfertigung dafür ging Biddle bis in eine Zeit zurück, die noch vor dem Ersten Weltkrieg lag:
“ Die IG Farben sind das wesentliche Unternehmen, das von der Deutschen Regierung eingesetzt worden ist, die amerikanische Produktion zu begrenzen. Es ist der Nachfolger des deutschen Farben- Konzerns der die Entwicklung einer eigenständigen amerikanischen Industrie vor dem letzten Krieg verhindert hat. Dem Präsidenten der American Bayer Co., die im Besitz des deutschen Farben- Konzerns war, ist von seinen deutschen Vorgesetzten bescheinigt worden, dass seine Anstrengungen vor dem letzten Krieg die amerikanische Produktion niedrig zu halten, mit der Leistung eines Armeeführers verglichen werden könnte, dem es gelungen ist, drei Eisenbahnzüge mit je 40 Wagons und einer Ladung von 4 1/2 Millionen Pfund Sprengstoff zu zerstören. “

Auch US- Präsident Roosevelt schrieb am 6. September 1944 an seinen Außenminister Cordell Hull: “ Die Geschichte des Einsatzes von IG- Farben durch die Nazis liest sich wie ein Kriminalroman. Der Niederwerfung der Nazi-Armeen muss die Vernichtung solcher Waffen der wirtschaftlichen Kriegsführung folgen. “ (1)(2)

Tatsächlich war die 1925 gegründete IG Farben Industrie AG eine Interessengemeinschaft, die mächtig genug war, um die schon im Ersten Weltkrieg enteigneten deutschen Patente durch neue zu ersetzen. Die brachte Deutschlands Anteil am Weltchemiemarkt, der 1913 fast drei Zehntel betragen hatte, bis 1939 wieder auf ein Viertel. Dies war die Gefahr, die die Amerikaner beseitigen wollten.

Aber ein Monopol war die IG Farben nie. Auch zur Zeit ihrer stärksten Entfaltung stammten wertmäßig drei Viertel der deutschen Chemie- Produktion aus Firmen, die außerhalb des Konzerns standen. Es waren dies meist Unternehmen, die über Spezialitäten verfügten. Auch die Betriebsführer der IG-Werke bewahrten ein hohes Maß an Selbständigkeit , und der Leistungswettbewerb innerhalb des Konzerns war eher noch schärfer als nach außen, da die Kapitalbereitstellung zentral erfolgte, nämlich durch einen Ausschuß des Gesamtunternehmens. Dieser Ausschuß teilte die Investitionsmittel nur dem Bewerber zu, der die Überlegenheit seines Verfahrens und dessen Rentabilität klar nachweisen konnte.

Die IG Farben unterdrückten also nicht, sondern ordneten den Wettbewerb, und als Carl Bosch 1925 ihr Leiter wurde, versuchte er sofort auch mit den internationalen Wettbewerbern der IG Farben zu einer Verständigung zu gelangen. Dabei wurde weltweit die Chemie- Produktion koordiniert und rationalisiert. Bosch ging es darum, ein Verbundsystem zustande zu bringen, das allen Nutzen brachte. Natürlich konnte dieses System aber nur in Friedenszeiten funktionierten und nur dann Dauer haben, wenn keiner es zu beherrschen versuchte. Vor dem Krieg hatten sowohl der amerikanische Chemieriese Dupont als auch die englische ICI eng mit der IG-Farben zusammengearbeitet. Aber als 1932 über die Deckung des Welt-Farbenbedarfes beraten wurde, behielt die IG Farben sechs Zehntel Marktanteil, Dupont nur zwei Zehntel. Wenn die IG Farben verschwanden, musste sich das ändern, und so kam es 1945 zur Zerstörung der deutschen IG Farben CHemieindustrie und zur Beschlagnahmung all ihrer Erfindungen und Patente. Die IG Farben war eine heiße Beute, denn sie hatte bis zu elf Prozent ihres Jahresumsatzes alleine für Forschung und Entwicklung ausgegeben und für Entwicklungsfortschritte steht weit mehr Geld aufgewandt als für Dividenden- Zahlungen.

Im Frühjahr 1945 wurde die Treibjagd auf die IG Farben und ihre Schätze eröffnet. Am 23. März 1945 wurde ein Vorausteam von fünfzig englischen und amerikanischen Prüfern wegen der unmittelbar bevorstehenden Eroberung des IG Farben Komplexes in Ludwigshafen-Oppau in Alarmbereitschaft versetzt. Das Team verließ sofort London mit dem Flugzeug, verbrachte die erste Nacht in Versailles und reiste dann mit Waffenträgern über Nancy nach Ludwigshafen. Auf jedes Fahrzeug wurden sieben Prüfer verteilt, ihr Gepäck wurde in Anhängern mitgeschleppt. Am 24. März hatten die allierten Truppen das Zielgebiet in ihre Hände gebracht. Sofort wurden zu Schutz von T-Forces Wachen aufgestellt, bevor sie am 25. März über den Rhein weiter zogen. Das Nachforschungsteam fand die Fabrik in Ludwigshafen-Oppau zwischen 60 und 75 Prozent zerstört vor. Man versprach sich deshalb, mehr Wissen zu gewinen, indem man das Personal der IG Farben verhörte, statt gefährliche Suchaktionen in den Trümmern zwischen zerstörten Tanks und Säurebehältern durchzuführen. Das Team führte erste prüfende Gespräche mit den deutschen Mitarbeitern und teilte dann geeignete Spezialisten für “ more intensiv interrogations and further exploitation „, also für “ intensivere Befragungen und weitere Ausnützung ( Ausplünderung) „.
Unklar ist, wer sich hinter diesen Verhörspezialisten verbarg und welche Methoden sie anwenden durften. Die vorgefundenen deutschen Experten wurden in Jeeps verfrachtet und die Umgegend gründlich nach Leuten durchkämmt, die sich von den “ Befreiern “ auf dem Lande versteckt hatten. Man organisierte Jagd- und “ Ausgrabungspartys „, um Dokumente, die versteckt oder vergraben worden waren, zu bergen.

Die Deutschen hätten zum größten Teil kooperiert, teilten die Allierten mit, aber in einem der Berichte über die IG Farben Mission ist zu lesen, dass diejenigen, die nicht aussagten, eingesperrt wurden. Auch Willkür spielte hier eine Rolle. So wird berichtet, dass ein US- Zivilist, der bei der US Navy beschäftigt war, einen der Deutschen nur aus dem Grund verhaftete, weil es ihm gerade danach war. Macht ist schön!

Wie erwartet fand das CIOS- Team ein Füllhorn an Informationen.
Ein vorläufiger Bericht stellte fest, dass die Befragung von Angestellten der IG Farben zu völlig neuen Erkenntnissen über den Produktionsprozeß des künstlichen Kautschuks Buna geführt habe. Man habe auch herausgefunden, dass Butadien aus Formaldehyd und Acetylen hergestellt werde, und nicht durch den sogenannten Aldol-Prozeß, wie es die Allierten bissher dachten. Weiterhin fand die Mission genaue Einzelheiten über die Anwendung von Koresin, einem wichtigen Beistoff für synthethisches Gummi.
Dr. Karl Konrad, ein Mitglied des Carnegie Technical Institute, sicherte sich einen Bericht von Dr. Julius Reppe, einem führenden Chemiker der IG Farben, den die „Amerikanische Chemische Gesellschaft “ ( American Chemical Society) bald danach in die USA unter “ Paperclip “ bringen wollte. Diese Abhandlung und ein weiteres Papier von reppe über die sichere Handhabung von Azetylen unter hohem Druck waren so wichtig, dass sie später vom Chef des “ CIOS Rubber Team „, Russel Hopkinson ( US Rubber Company), als zwei Dokumente beschrieben wurden, die wegen ihrer einzigartigen Bedeutung für die synthetische organische Chemie von größtem Interesse für Amerika seien.

Die Hauptbeute hofften die CIOS-Teams aber in der Frankfurter Zentrale der IG Farben zu finden. Am Frankfurter Grüneburger Weg stand das moderne IG Farben Gebäude, das aus sechs siebenstöckigen Bürogebäuden bestand, die durch fünf gleich hohe Querstangen miteinander verbunden waren.
Zur damaligen Zeit war das IG Farben Gebäude in Frankfurt eines der größten Bürogebäude Europas. Auffallenderweise hatte der Hauptsitz in Frankfurt die Kriegswirren völlig unbeschadet überstanden. Die Frage ist hier, ob dies ein Zufall war oder ob die Allierten bei ihren Luftangriffen das IG Farben Gebäude bewusst ausgespart hatten, da sie wussten, dass hier alle wichtigen Erfindungen und Verfahren der deutschen Chemieindustrie eingelagert waren.

Hinzu kommt, dass sich das IG Farben Gebäude als “ Nachkriegsverwaltungssitz “ für die neue Militärregierung hervorragend eignete.

Als amerikanische Soldaten Ende März 1945 in das zerbombte Frankfurt am Main einmarschierten, wurden sie in der IG Farben Firmenzentrale vom Leiter der IG Farben, Georg vno Schnitzler, mit den Worten begrüsst: “ Meine Heeren, es ist eine Freude, wieder mit ihnen zu arbeiten.“
Er bot den Amerikanern einen Brandy an, zog diesen Vorschlag unter Hinweis auf das von General Eisenhower erlassene “ Fraternisierungsverbot „lächelnd selbst zurück. Er fragte die Amerikaner sehr bald, wann er denn mit seinen Freunden bei ICI in England und Dupont in Verbindung treten könne.

Wie sich später aufgrund von Aktenfunden herausstellte, wusste von Schnitzler, was dem Konzern von einer allierten Besatzung drohte und seine frohe Erwartung war wahrscheinlich gespielter Zweckoptimismus. Statt dessen wurde Schnitzlers Farben Zentrale in Frankfurt fachmännisch geplündert.

An die 400 Tonnen Akten fielen hier den Allierten in die Hände.
200 deutsche Kriegsgefangene und 300 Angestellte, die in der Zentrale ausgeharrt hatten, musste das ungeordnete Material sichten und sortieren. US-Spezialteams brachten alles auf Mikrofilm, was möglich war. Sie waren jahrelang beschäftigt und benötigten astronomische Mengen an Filmmaterial. Die Manager der Firma mussten den Amerikanern für Auskünfte zur Verfügung stehen, was sie nur widerstrebend taten.

Welche Schatzgrube die IG Farben für die Amerikaner war, zeigte eine Meldung der New York Times vom Mai 1947, der zufolge die US Industrie 6000 eigene Experten nach Deutschland geschickt habe, um nach Unterlagen, Patenten und Fabriken der IG Farben zu forschen.
Diese hoch erscheinende Zahl der New York Times kann stimmen, denn allein die IG Farben Tochterfirma Anorgana GmbH in Gendorf berichtete über die Heimsuchung durch 166 Prüfer im Zeitraum vom 1. Januar 1946 bis Juni 1947 und schätzte, dass zwischen 200 und 250 allierte “ Experten “ schon vorher da waren. (3)

Die Beute, die den Amerikanern in die Hände fiel, war dementsprechend gigantisch. Schon im Jahre 1925, als sie gegründet wurde, war die IG Farben der weltweit größte Hersteller von Farbstoffen, Arneimitteln sowie synthetischem Stickstoff und besaß ein Monopol in der Hochdruck-Chemie.

Später folgten Kunststoffe, Kunstharze, Leichtmetalle, Kunstseide und Zelluloseerzeugnisse. Hinzu kamen Reinigungs- und Waschmittel, synthetische Gerbstoffe, synthethischer Kautschuk, synthethische Treib- und Schmierstoffe, Edelgabe, Kohle, Eisen und Stahl.

Besonders wichtig war die Entwicklung synthetischer Ersatzstoffe, um Deutschland im Krisenfall mit bestimmten kriegswichtigen Stoffen zu versorgen, über die es selbst nicht oder nur in ungenügender Menge verfügten konnte: Kautschuk, Treib- und Schmierstoffe, Kunstfasern, Magnesium, Gerbstoffe und Fette. ( Allgemein wurde die Autarkie zum Ziel der Nationalsozialistischen Regierung angestrebt, um das eigene Land unabhängig von teils überteuerten Exporten aus dem Ausland zu machen)

Zwischen 1933 und 1945 investierte die IG Farben astronomische Summen in die Forschung zur Entwicklung synthetischer Ersatzstoffe. Dabei erzielte man große Erfolge, als es gelang das Buna-Verfahren zur Herstellung synthetischen Kautschuks produktionsreif zu machen.

Die Kohleverflüssigung mit Hilfe der Hochdruck-Chemie erlaubte die Produktion von Treibstoffen und Ölen aus heimischen Rohstoffen ( vor allem aus Kohle, aber auch z.b. aus Ölschiefer, Ölsand usw.)

Als Ersatz für den importierten Pyrit gelang es, ab 1936 in Wolfen ein Werk zu errichten, das Schwefelsäure aus deutschem Gips erzeugen konnte.

All dies wurde nun eine Beute der Allierten. Niemand hat es bis heute gewagt, eine Gesamtschadensbilanz über die der IG Farben gestohlenen Erfindungen, Verfahren, Patente und Gebrauchsmuster aufzustellen. Überall herrscht offiziell bis heute Schweigen. Das, was wir aber haben, sind zeitgenössische Äußerungen der Jahre 1945/46, die Bände sprechen.

Ein amerikanischer Fachmann erklärte dazu begeistert: “ Es enthält die Verfahren und Rezepte für über 50.000 Farbstoffe. Von denen sind viele echter und besser als unsere. Viele konnten wir nie selbst herstellen, weil wir nicht wussten, wie. Die amerikanische Farbstoffindustrie wird um mindestens 10 Jahre vorwärts gebracht. “
Auch die US-Armee Zeitung Stars and Stripes frohlockte, dass die der IG Farben entnommenen Erfindungen Millionen Dollar Wert seien, und ein amerikanischer Fabrikant äußerte sich, nachdem er einen Bericht über die deutsche Kunstfaserindustrie gelesen hatte: “ Dieser Bericht wäre in meiner Firma 20 Millionen US-Dollar wert, wenn wir ihn exklusiv haben könnten“
Zum guten Schluss wird die Aussage eines amerikanischen Auswerters angeführt, dass das, was in den Tresoren der IG Farben in Frankfurt gefunden worden sei, allein die Kosten des Zweiten Weltkrieges wert gewesen wäre. (4)
Ähnliche Aussagen machten andere Offiziere der US Army.

Nach der Zerschlagung der IG Farben Industrie gelang es den durch die Zwangsteilung entstandenen Tochterfirmen, in der Nachkriegszeit wieder zu Wohlstand und Weltgeltung zu kommen. Mit der Überlegenheit der deutschen Chemieindustrie war es nach 1945 jedoch ein für allemal vorbei. An ihre Stelle waren nun vor allem amerikanische Chemieunternehmen getreten.

Fußnoten:
1.)Anton Zischka, War es ein Wunder?, Mosaik, München 1966, S. 94-322
2.) Wolfgang Popp, Wehe den Besiegten. Versuch einer Bilanz der Folge des Zweiten Weltkrieges für das deutsche Volk, Grabert, Tübingen 2007, S.228
3.)John Gimbel, Sciene, Technology and Reparations, Exploitation and Plunder in Postwar Germany, Stanford University, Stanford 1990, S.78 f. u. S.163
4.)Aussage von “ Oberst Jim „, eines im Sommer 1945 von Frankfurt nach Goppingen versetzten Offiziers.

Das von Hanz Poelzig zwischen 1927 und 1931 errichtete Firmengebäude der IG Farben in Frankfurt am Main
Das von Hanz Poelzig zwischen 1927 und 1931 errichtete Firmengebäude der IG Farben in Frankfurt am Main

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