Tonne 2
Tonne 2

Einer der größten wissenschaftlichen Erfolge auf dem Gebiet der Elektronik während des Zweiten Weltkrieges war die Entwicklung der Miniatur-Fernsehkameras der “ Tonne “ Serie. Seit 1939 war eine ganze Reihe von Firmen wie Blaupunkt, Siemens sowie die Fernseh-GmbH an der erfolgreichen Ausbringung und Vervollkommung der “ Tonne “ beteiligt. Man hatte hier aus mobilen Kameras, die für den Einbau in Flugzeugen bestimmt waren, ein innovatives Konzept zur Verwendung von Fernsehkameras für den Einsatz bei Zielweisungsverfahren entwickelt. Gleitbomben und andere Lenkwaffen sollten auf diese Weise punktgenau an ein Ziel herangeführt werden können. Das ganze System war kompakt genug, um im Bug einer Henschel HS-29D Lenkbombe untergebracht werden zu können. Für den Bombenschützen im Mutterflugzeug gab es zur Lenkung eine Empfangseinheit einschließlich Bildschirm mit einer Auflösung von 224 und später 441 Zeilen mit allen Merkmalen des zivilen Fernsehens.

Sofern die Kamera korrekt justiert war, brauchte der Bombenschütze die Rakete nur mittels elektrischer Impulse auf die empfangenen Bilder zuzusteuern, um sein Ziel zu treffen. Nachdem im Labor ausgezeichnete Werte erzielt worden waren, wurde das Vorhaben 1942 an die entsprechende Forschungsstelle zur Erprobung übergeben. Anfangs gab es noch erhebliche Schwierigkeiten bei der Erprobung, da die Bombenschützen verschiedene Aspekte, wie die Geschwindigkeit der Rakete, durch die Kamera unterschätzten und dadurch zu starke Steuerbefehle gaben. Dies verbesserte sich jedoch mit der Zeit und im Jahre 1944 war das System dann einsatzreif.

Standardsystem war die sogenannte “ Tonne 2 “ Version, die fast die gleiche Auflösung hatte wie das heutige SVHS-System. Sie war schon zweimal größer als bei dem lange üblichen VHS-Videoverfahren. Das ganze System wog 50 kg und konnte bis 1944/1945 bei der „Tonne 4a“ noch auf 2,5 kg gesenkt werden. Hier war die Kamera in den Gefechtskopf bereits eingebunden (1) (2).

Wichtigstes Teil der Fernsehkamera ist eine mechanisch sehr kompakte Bildspeicherröhre IS9 Sie wandelt das von einem Objektiv gelieferte optische Bild in elektrische Impulse um, die dessen Hell-Dunkel-Muster genau entsprechen. Mit ihnen wird der in die Bombe eingebaute Sender moduliert und das HF-Signal zur Abstrahlung einer Antenne zugeführt. Im Trägeflugzeug beobachtet der Lenkschütze den Schirm des Monitors (Tarnname »Seedorf«), auf dem das Bild, welches die Kamera im Lenkkörper ’sieht‘, wieder zu einem Umgebungsbild zusammengesetzt wird. Die eingesetzte Technik war für die damalige Zeit revolutionär, was die Miniaturisierung der Komponenten anbetrifft. So ließ sich die Kamera in einem Gehäuse unterbringen, das etwa das Volumen eines Schuhkartons besaß. Möglich wurde das durch die Verwendung der sehr kompakten Röhren, von denen 29 Stück in ihren Patronenfassungen platzsparend aneinandergereiht werden konnten. Einen ähnlichen Aufbau besaß der Monitor, bei dem die elektronischen Bauelemente um das Sichtrohr herum angeordnet worden waren oder – bei der tropen- und höhenfesten Version – äußerst geschickt auf Kühlscheiben lagen (»Seedorf III«). Eine vielleicht einmalige Komponente des fernsehgestützten Zielweisungssystems ist der auf ca. 470 MHz (70 cm-Band) arbeitende TV-Sender. Seine Raffinesse besteht insbesondere darin, mit äußerst geringem Aufwand ein gut aufgelöstes Bild der Fernsehkamera zu übertragen.Das im Technikmuseum vorhandene Exemplar, zu dem es bis dahin keinerlei Unterlagen gab, konnte vom Autor der vorliegenden Publikation detailliert untersucht und ein Stromlaufplan rekonstruiert werden. Das Gerät ist ein Musterbeispiel ausgeklügelter Ingenieurleistung.

Es ist bis heute umstritten, warum es nie zum Einsatz des an sich fertigen Systems kam. Es wird gern angeführt, einerseits sei die verwendete Technik zu komplex gewesen, andererseits hätte es zu wenig Trägerflugzeuge oder ausgebildetes Person dafür gegeben.

Wenn man sich mit der Materie jedoch genauer beschäftigt, wird aber klar, das der Einsatz der “ Tonne “ durch alle möglichen Tricks und Verzögerungen hinausgeschoben wurde, die typisch für gezielte Sabotage waren. So berichtete ein Fertigungsleiter im Stab der Fernseh-GmbH, das die für den Anschluß der Kabel in den Trägermaschinen nötigen Spezielmehrfachstecker, obwohl zu Tausenden in Berlin-Straußberg vorrätig, von General Fellgiebel persönlich wiederholt nicht freigegeben wurden. Am Ende sei Fellgiebels Antwort im Sommer 1944 anläßlich einer Werksbesichtigung am Herstellungsort der “ Tonne “ gewesen: Außerhalb meiner Kanzlei erteile ich grundsätzlich keine Unterschriften [zur Freigabe der Stecker!- F.G], kommen sie morgen in acht Tagen in mein Büro in Berlin, sie werden dann sehen, was sich machen lässt. Außerdem: Der Krieg wird noch lange dauern, und sie werden schon nicht zu spät kommen!

Kurz darauf seien die Anlagen in einen Abstellraum nach Klein-Machnow abtransportiert worden, wo sie der Fertigungsleiter der Fernseh-GmbH im November 1945 wiederfand.

Die Amerikaner hatten während des Krieges an einem ähnlichen System mit großem Aufwand gearbeitet, aber nur sehr wenig Erfolg erzielt.So war man völlig alarmiert und überrascht, als man in Deutschland die “ Tonne “ vorfand. So musste der Wissenschaftler Dr. Weiss im Frühjahr 1945 den BIOS und CIOS Missionen das System “ Tonne “ in der Praxis demonstrieren. Man versuchte später im Koreakrieg, eine Version dieses Systems zu verwenden, als die US Navy unbemannte Drohnen des Typs Grumman F6F-5K mit Hilfe von Fernsehkameras von Leitflugzeugen Douglas AD-2D gegen Brücken in Nordkorea einsetze- mit gemischten bis wenig Erfolg.

Es sollte noch bis in die siebziger Jahre dauern, bevor man mit den amerikanischen TV-Lenkflugkörpern Hobos und Maverick zu zuverlässigen erfolgreichen Einsätzen in der Endphase des Vietnamkrieges und während des Yom-Kippur-Krieges in Nahost in der Lage war.

Den gleichen Stand hatten die Deutschen bereits im Sommer 1944 erreicht.

1.) Hubert Faensen, Hightech für Hitler, Ch.Links, Berlin 2001, S.90-94
2.) Igor Witkowski, Truth About The Wunderwaffe, European History Press, Warschau 2003, S.197

Super-IkonoskopBildwandlerröhre der Hs 293 D(Schema)
Super-IkonoskopBildwandlerröhre der Hs 293 D(Schema)

 

Fernehsender der Hs 293 D
Fernehsender der Hs 293 D
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