16003017_1841065496163158_7186134972969199801_n„Wir fürchten, dass die FI-282 dem Führer gezeigt wird “

Seit vielen Jahren sind Hubschrauber ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil moderner Streitkräfte in aller Welt. Verbindung, Transport, U-Boot Jagd, Rettung, Artillerieaufklärung und Bodentruppenunterstützung decken dabei nur einen kleinen Teil der Möglichkeiten der Drehflügler ab.

Aber auch Deutschlands schwer ringende Wehrmacht hätte während des Zweiten Weltkrieges rechtzeitig mit überlegenen Drehflüglern ausgerüstet werden können – wen man es seitens bestimmter Stellen nur zugelassen hätte. Allzu oft werden die deutschen Fortschritte auf diesem Gebiet von der Entwicklung der Wunderwaffen und anderer Hochtechnologien überschattet. Tatsächlich hätte die bis zum Schluss noch teilweise auf das Pferd angewiesen Wehrmacht “ luftmobil “ sein können, ähnlich wie die Amerikaner später in Korea oder Vietnam. Bis Ende 1942 hatten Deutschlands Ingenieure mit der Flettner FI-282 einen einsatzfähigen Hubschrauber entwickelt. Im Mittelmeerraum war er bereits als U-Boot Jäger erfolgreich getestet worden. Alles, was nun fehlte, war der Befehl zur Einführung. (1) Die FI-282 hatte auf der Welt kein Gegenstück. So wurde bekannt, dass es bei einem Treffen des Generalluftzeugmeisters am 16. Januar 1943 auch um Hubschrauber und besonders um eine Bestellung des Heeres für 1000 FI-282 ging. Generalmajor Kurt Kleinrath, Chef der 6. Abteilung des Generalquartiermeisters der Luftwaffe ( Ausrüstung), sagte dabei den Anwesenden: “ Ich informierte Oberst Vorwald gestern, dass die FI-282, die vom Generalluftzeugmeister dem General Zeitzler zur Verfügung gestellt wurde, falscherweise auf einer großen Austellung von Winterfahrzeugen präsentiert wurde. Das Heer verhält sich nun so, wie wenn dieser Helikopter zur Lösung ihrer Probleme sei…. Ja, aber mit dem Einfluß, der jetzt vom Reichsrüstungsminister ausgeübt wird und so wie sich das Heer nun verhält, wie wenn es ihre “ Kiste “ sei, fürchten wir, dass die FI-282 dem Führer vorgeführt wird.

Wir sind besorgt, dass wir einen plötzlichen Befehl vom Führer erhalten werden, dass die Luftwaffe tausend Fi-282 für das Heer herstellen soll. “ Ein unglaublicher Vorgang! Trotz des Wunsches mehrerer führender RLM-Beamter, dass Hitler die FI-282 nicht zu Gesicht bekommen sollte, ist bekannt, dass dies dennoch geschah. Das genaue Datum der Vorführung ist nicht bekannt, ein Termin Ende Januar 1943 aber wahrscheinlich. Es gibt dazu eine Aufnahme, die Hitler vor einer Fi-282 in Begleitung einer Reihe von Persönlichkeiten wie Zeitzler, Himmler, Speer und Keitel zeigt. Entsetzt reagiert Kleinrath deshalb bei einem GL-Treffen einige Tage später: „Wir müssen dies dem Reichsmarschall mitteilen, weil der Führer, nachdem er Versuche mit dem Hubschrauber in seinem Hauptquartier gesehen hatte, sagte: Macht weiter damit ! “ Eine Bestellung für tausend FI-282 wird dann auch mehrfach erwähnt, aber nicht ausgefüllt. Die FI-282 hätten dann in der BMW-Fabrik in Eisenach hergestellt werden sollen. Es gab aber keine Vorbereitungen zur Produktion der tausend Hubschrauber dort. Auch wurde die Produktion der dafür nötigen Sh-314 Triebwerke nicht beschleunigt. Es sieht also ganz danach aus, dass der Produktionsauftrag mit System sang- und klanglos unterdrückt wurde. Die Firma Flettner hatte nicht einmal genug Ressourcen zur Verfügung gestellt bekommen, um die zur Aufstellung eines Erprobungskommandos nötigen Fi-282 herzustellen. Dies verwundert noch viel mehr, da zwischenzeitlich Luftwaffe, Marine und Heer dringend nach Hubschraubern riefen. Am 12. Oktober 1943 wurde die Firma Flettner, genauso wie die Firma Focke Achgelis, Hersteller des größeren Hubschraubers FA-223, vom RLM informiert, dass die Produktion von Hubschraubern ganz einzustellen sei. In ihrer Verzweiflung versicherten sich die Helikopterhersteller nun der Unterstützung von Reichsführer-SS Heinrich Himmler, indem sie auf die erfolgreichen Tests mit Hubschraubern verwiesen. Der “ Hauptauschuss Flugzeugbau “ beim Reichsluftfahrministerium verbot dann aber sogar jeglichen Test von Hubschraubern und empfahl, dass das ganze Personal sofort zur Firma Messerschmitt in Marsch gesetzt werden solle. Hitler bekam jedoch einen Brief von SS-Obergruppenführer Hans Jüttner, dem Chef es SS-Führungsamtes, der Besorgnis über die Einstellung der Hubschrauberproduktion ausdrückt. Hitler war ebenso überzeugt vom außerordentlichen Wert des Hubschraubers für die Operationen des Heeres und befahl, dass tausend Arbeiter monatlich freigestellt werden sollten, um eine Serienproduktion zu gewährleisten. 200 FA-223 sollten ab 1944 hergestellt werden. Deutschland hätte dann eine Luftmobilität durch den Einsatz von Hubschraubern besessen, ähnlich wie später die USA in Korea oder Vietnam. Nach vielfachem Hin und Her kam nun die Produktion der Hubschrauber Fa-223 “ Drache“ und FI-282 “ Kolibri“ langsam in Gang. Aber es war viel zu spät. Nur noch Einzelstücke wurden vor Kriegsende fertig.

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Deutschlands Heer, Luftwaffe und Marine mussten so auf ihre sonst mögliche rechtzeitige Ausrüstung mit Hubschraubern verzichten. Im Korea-Krieg zeigten dann Hubschrauber bei den Amerikanern, was in ihnen steckt. Es ist unzweifelhaft, dass deutsche Hubschrauber an der Ostfront schon ab 1943 Großes hätten bewirken können, wenn man ihre Einführung nicht verhindert hätte. Trotz ihres experimentellen Status wurden die wenigen deutschen Hubschrauber bei bis zuletzt teilweise abenteuerlichen Missionen an der Ostfront verwendet. So dienten FI-282 als Artillerie-Beobachter für das 80 cm Riesengeschütz “ Dora „. Drei FI-282 “ Kolibri“ und drei FA-223 “ Drache“ dienten in einer Beobachtungseinheit und wurden ab Februar 1945 an der Ostfront eingesetzt. Sie konnten wertvolle Aufklärungsergebnisse erzielen, aber der Kräftestand der deutschen Wehrmacht war schon so schwach, dass man anhand der gelieferten Informationen nur noch den russischen Vormarsch genau verfolgen konnte. Weitere “ Kolibri“ Hubschrauber wurden auch von Berlin-Rangsdorf aus (2) während der Schlacht um Berlin im April 1945 zur Nahaufklärung und Artillerie-Feuerlenkung verwendet, bis sie einer nach dem anderen durch russische Jäger und Flak verlorengingen. Am geheimnisvollsten sind bis heute die Flüge der Hubschrauber der Luft-Transportstaffel 40. Dabei übernahmen FA-223 und FI-282 geheimnisvolle Transportflüge in und aus eingeschlossenen Städten und Festungen in den letzten Monaten vor Kriegsende.

Allerdings stimmt es nicht, wie der ehemalige Reichsrüstungsminister Albert Speer in der Nachkriegszeit schrieb, dass eine Fi-282 verwendet wurde, um den Gauleiter Hanke aus der eingeschlossenen Stadt Breslau am 5. Mai 1945 auszufliegen. Dieser Flug wurde in Wirklichkeit durch eine Fiesler FI-156 “ Storch “ Maschine durchgeführt. Auch Hanna Reitsch berichtete, dass sie am 26. April 1945 ursprünglich in einem Hubschrauber von Rechlin aus mit dem neuen Luftwaffenoberbefehlshaber Ritter von Greim ins belagerte Berlin fliegen wollte, um Hitler im Führerbunker zu besuchen. Da der hierfür geplante FA-223 Hubschrauber durch einen allierten Bombenangriff kurz vorher zerstört worden war, musste sie eine Arado Ar-96 benutzen. Tatsächlich waren aber drei weitere FA-223 Hubschrauber in der Gegend von Berlin stationiert. Dieser Typ sollte dann auch benutzt werden, um Hitler und seine Umgebung bei Bedarf aus dem Bunker zu retten. Tatsächlich wurde eine der Berliner FA-223 später von allierten Truppen auf dem Flugplatz Hörsching in Bayern gefunden. Von dort startete eine Junkers Ju-290 A-6 im letzten Moment mit unbekannter Fracht nach Barcelona. (3)

Fußnoten:
1.)Steve Coates, Helicopters of the Third Reich, Ian Allan, Hersham 2002, S.116 f. , 127 u. 178.
2.)Gary Hyland u. Anton Gill, Last Talons of the Eagle, Headline, London 1998, S.70
3.) Gregory Douglas, Gestapo Chief R. James Bender, San Jose 1995, S.206

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